Immer wieder werde ich von Schwangeren und Eltern gefragt: Soll ich für mein Baby praktische Einmalwindeln nutzen?? Aber wie sieht da die Ökobilanz aus? Also vielleicht doch lieber waschbare Stoffwindeln? Ist das nicht zu aufwendig? Also am besten gleich das Windelfrei-System testen? Letztlich muss jedoch jede Familie für sich entscheiden, womit sie in jeder Hinsicht am besten klarkommt – also was für sie gut praktikabel und was ihr wichtig ist.

Natürlich könnt ihr unterschiedliche Systeme auch miteinander kombinieren. Ich kenne viele Familien, die beispielsweise zu Hause Stoffwindeln nutzen und unterwegs Einwegwindeln. Aktuell tragen 95 Prozent der Kinder in Deutschland Einmalwindeln. Diese und andere interessante Befunde jenseits von Markenunterschieden hat die Stiftung Warentest im Jahr 2021 in einem groß angelegten Windeltest herausgefunden. Für ihre Untersuchung gaben die Expert*innen an ihre „Forschungsfamilien“ knapp 53.000 Windeln aus. Würde man die alle aufeinanderstapeln, wäre der „Windel-Turm“ so hoch wie das Empire State Buildung in New York.

Bevor wir hier jedoch einen Blick auf die unterschiedlichen Wickeloptionen werden, noch ein paar Informationen zur Frage:

Wie lange trägt ein Kind Windeln?

Bei einem Säugling wird die Blasen- und Darmentleerung noch durch einen Reflex ausgelöst. Das Baby hat dazu kein Bewusstsein. Trotzdem kann es sich natürlich unwohl fühlen, wenn die Windel voll ist.

Wann ein Kind lernt, seine Ausscheidungen zu kontrollieren, ist so unterschiedlich wie das Laufen oder Sprechen lernen. Alle diese Schritte hängen von der individuellen Entwicklung ab.

Für die Kontrolle der Ausscheidungen müssen die Nervenbahnen und Muskeln am Beckenboden zunächst so weit entwickelt sein, dass das Kind spürt: Da will jetzt „etwas“ raus. Erst wenn es dafür ein Gefühl entwickelt hat, kann das Kind im zweiten Schritt lernen, seine Ausscheidungen zu kontrollieren. Dieser beschriebene Reifungsprozess ist frühestens gegen Ende des zweiten Lebensjahres erreicht. Die meisten Kinder sind zwischen 2,5 und 3,5 Jahren tagsüber trocken. Von der Nachtwindel verabschieden sie sich in einem späteren Schritt.

An diesem Reife- und Entwicklungsprozess deines Kindes können weder intensives „Töpfchentraining“ noch Schimpfen noch in Aussicht gestellte Belohnungen etwas ändern. Versuche also einfach, entspannt zu bleiben. Damit unterstützt du dein Kind am besten.

Einwegwindeln

Erst Mitte der 1970-er Jahre eroberten Einmalwindeln den deutschen Markt. Sie bestehen aus einer Kunststoff-Außenhülle mit einem Saugkern und lassen sich mit einem Klebe-Klettverschluss befestigen. In größeren Größen gibt es sie auch als Höschenwindeln (Pants). Die Wegwerfmodelle sind in ihren unterschiedlichen Größen allen Bedürfnissen vom Neugeborenen bis zum aktiven Kleinkind angepasst. Auf der Verpackung ist das kindliche Körpergewicht angegeben, das zur jeweiligen Windelgröße passt. Sollten sich an Bäuchlein und Beinchen deines Babys rote Streifen zeigen, greife lieber zur nächsten Größe.

In jedem Fall sollten Passform und Tragekomfort dafür sorgen, dass die Windel gut sitzt, nicht verrutscht, innen weich ist und sich leicht anlegen bzw. ausziehen lässt.

Eine wesentliche Rolle spielt außerdem die Anforderung, Babys zarte Haut am Po trocken zu halten. Schließlich sollen Hautreizung und -entzündungen ja vermieden werden. Daher enthalten viele Modelle einen sogenannten Superabsorber. Dieser Kunststoff (Polymer) leitet die Flüssigkeit von der Haut deines Babys weg ins Windelinnere. Er kann bis zur 30-fachen Menge seines Eigengewichts aufnehmen und einschließen. Die Aufnahmekapazität ist je nach Windelmarke unterschiedlich stark. Stiftung Warentest hat übrigens bei keiner der 11 von ihr untersuchten Marken kritische Schadstoffe in den Windeln gefunden.  

Die Anschaffungskosten für Einwegwindeln variieren zwischen 12 und 55 Cent pro Stück, je nach Marke und Modell. Ein Kind benötigt im Durchschnitt etwa 5.000 bis 6000 Windeln, bis es trocken ist. Hinzu treten die Müllgebühr dafür. So kommt in den ersten drei Lebensjahren deines Kindes schon ein stattliches Sümmchen zusammen.

Stoffwindeln

Unsere Großmütter kannten nur klassische Mullwindeln, die oft recht mühsam anzubringen waren, insbesondere wenn das Kind nicht stillhalten wollte. Eine Generation später wurde um die Tuchwindel noch eine feste, steife „Gummihose“ gehüllt.

Die Mullwindeln gibt es immer noch, sie finden jedoch meistens nur noch als Spuckitücher Verwendung. Heute bestehen die waschbaren Stoffwindel-Systeme aus

• einer wasserdichten textilen Außenschicht,

• einem saugfähigen Innenkern und

•  meist einem Windelverschluss (Klettband oder Druckknöpfe).

In dieser Weise können Stoffwindeln einteilig sein, was heißt: Alles ist bereits miteinander verbunden und wird nach Gebrauch gewaschen. Oder sie sind mehrteilig, sodass nur die Einlagen in die Wäsche kommen, wenn das Überhöschen nicht verschmutzt ist.

Die Einlagen sind beispielsweise aus Baumwolle, Merinowolle, Zellstoff oder Mikrofaser gefertigt. Daneben gibt es auch Einmal-Einlagen, die anschließend in den Müll kommen. Die Überhosen können aus Fleece, Mikrofaser oder Polyurethanlaminat (PUL) bestehen. Sind sie aus Wolle, müssen sie regelmäßig mit Wollfett imprägniert werden.

Wie du siehst: Im Stoffwindelsystem kommen oft Naturmaterialien zum Einsatz. Das schont die Ressourcen. Dass Stoffwindeln unter Babys Kleidung oft einen dickeren „Windel-Popo“ machen als Einmalmodelle, wird dich vielleicht nicht stören. Allerdings: Oft halten sie den Popo nicht so lange trocken wie Wegwerfwindeln, manche Arten sind auch für nachts nicht geeignet. Und Stoffwindeln machen Eltern durchs Waschen auch etwas mehr Arbeit. Es gibt aber auch sogenannte „Windel-Dienste“. Sie beliefern dich mit frischen Stoffwindeln und holen die benutzten zum Reinigen wieder ab.

Mit Blick aufs Kind zeigt die Erfahrung: Viele Kinder, die in Stoff gewickelt werden, nehmen ihre Ausscheidungen offenbar deutlicher wahr und manche Kinder werden dadurch etwas früher trocken. Sie sind auch deutlich seltener wund.

Anfangs reißen die Anschaffungskosten von etwa 400 bis 700 Euro für ein Stoffwindel-System ein ordentliches Loch in die Haushaltskasse. Hinzu kommen noch die Energiekosten für das Waschen der Windeln. Trotzdem bleibt dieses System finanziell günstiger als das Einweg-System.

Ökobilanz

Herkömmliche gebrauchte Einwegwindeln entsorgst du korrekt im Restmüll. Manche Kommunen geben sogar eigens Windelmüllsäcke aus, um die Behälter zu entlasten. In der Gesamtmenge der Wegwerf-Windeln landen in ganz Deutschland jährlich 154.680 Tonnen (= knapp 154,7 Millionen Kilogramm) im Abfall, wie Stiftung Warentest errechnet hat. Das entspricht etwa 15.500 Müllwagen vollgepackt mit gebrauchten Windeln. Sie werden zusammen mit dem Hausmüll verbrannt. Dabei erzeugen Wegwerfwindeln aufgrund ihrer erdölhaltigen Materialien auch Treibhausgase.

Landet eine benutzte herkömmliche Windel dagegen in der Natur, so dauert es etwa 500(!) Jahre, bis sie verrottet ist – vom dabei entstehenden Mikroplastik ganz zu schweigen.

Immer mehr Windelhersteller haben mittlerweile sogenannte Ökowindeln auf den Markt gebracht. Anders als herkömmliche Einwegwindeln bestehen Ökowindeln nur teilweise aus Erdöl-basierten Materialien, der Rest ist biologisch abbaubar. „Öko“ ist aber kein rechtlich geschützter Begriff. Schau also genau hin, wie hoch der „Öko“-Anteil in der Windel tatsächlich ist.

In der Öko-Kategorie gibt es jetzt auch einige wenige Einmalwindeln, die etwa zu 85 Prozent als kompostierbar gelten. Nur die Klettverschlüsse und Klebestreifen werden derzeit noch aus fossilen Brennstoffen hergestellt, der Rest ist biologisch abbaubar. Laut Düngemittelverordnung dürfen diese Windeln aber trotzdem nicht in die Biotonne! Also ab damit auf den eigenen Komposthaufen? Dann muss der aber groß sein – sonst riecht er schon bald ziemlich unangenehm. 

Stoffwindeln haben auf den ersten Blick gegenüber Einmalwindeln viele Vorteile: Sie erzeugen z.B. deutlich weniger Müll und können auch noch vom nächsten und übernächsten Kind genutzt werden. Das ist schon mal gut.

Dennoch weisen Stoffwindeln keine so „saubere“ Ökobilanz auf, wie man zunächst vermuten würde. Der Grund: das richtige Waschen. Stoffwindeln benötigen für eine hygienische Reinigung das volle 60-Grad Waschprogramm (kein Eco-Programm wegen zu wenig Wasser und oft zu geringer Temperatur). Beim normalen Waschgang ist der Verbrauch an Strom und Wasser hoch. Wer Windelhosen und Einlagen dann anschließend auch noch im Wäschetrockner trocknet, verschlechtert die Energiebilanz erheblich. Da sagt die Umwelt keineswegs danke. Einige Fachleute sprechen sogar davon, dass die Ökobilanz von Stoffwindelsystemen noch schlechter ist als bei herkömmlichen Wegwerfwindeln. Dem haben die Vereinten Nationen mit einer Studie im Jahr 2021 widersprochen. Sie besagt, dass der Einsatz von Stoffwindeln ökologisch sinnvoller ist. Voraussetzungen: eine lange Nutzung (für mehrere Kinder), stets voll beladene Waschmaschinen unter Verwendung von Öko-Waschmittel, Trocknung an der Luft, Waschgang mit 40 Grad (was hygienisch jedoch fragwürdig ist und auch keine Pilze, z.B. Candida, abtötet).

Die Windelfrei-Methode

Hier ist der Name Programm: Im Prinzip wird die Windel so oft wie möglich weggelassen. Aber natürlich nicht dauernd, sondern nur, wenn es sich anbietet. Ob, wann oder wie oft das Baby gewickelt wird oder auch nicht, handhaben die Eltern flexibel.

Bei der Windelfrei-Methode geht es nicht um ein frühzeitiges „Sauberkeitstraining“. 

Vielmehr steckt die Idee dahinter, dass viele Babys Signale aussenden, wenn sie „mal müssen“. Das können bestimmte Laute, auftretende Unruhe, charakteristisches Schreien oder ein typischer Gesichtsausdruck sein. Weiter wird angenommen, dass die Eltern lernen, diese Signale mit der Zeit genauso zu deuten, wie sie „Hunger“- oder „Müde“-Signale lernen zu erkennen. Bei einem „Ich-muss-mal“-Signal wird das Kind dann über Toilette oder Töpfchen für das kleine oder große Geschäft abgehalten. Im englischsprachigen Raum wird diese Methode auch als „Elimination Communication“ (EC) bezeichnet, übersetzt bedeutet das etwa „Ausscheidungs-Kommunikation“. Sie erfordert nochmal mehr elterliche Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des Kindes und stärkt daher die Bindung, heißt es.

Fest steht dagegen: Windelfrei ist vom Preis her unschlagbar – es kostet nichts. Und die allermeisten Kinder mögen es, mal eine ganze Weile lang mit nacktem Popo ohne Windel drumrum auf der Wickelkommode zu spielen, herumzukrabbeln oder durch die Wohnung zu laufen. Viel Spaß dabei!

Navigiere zum nächsten Beitrag

Autorenbox

Katharina Jeschke

Katharina Jeschke

Gründerin von elternundbaby.com und Hebamme

Als Geburtshausleiterin, Hebamme und Mutter unterstütze ich Frauen dabei ihre Herausforderung während, vor und nach der Schwangerschaft besser zu bewältigen.

Um noch mehr Frauen zu erreichen, startete ich elternundbaby.com. Ich freue mich darauf, dich hier begrüßen zu dürfen.