Wenn eine Geburt eingeleitet werden soll, verwenden viele Ärzte ein Medikament, das eigentlich ein Magenschutzmittel ist: Cytotec. Dass der Einsatz zu schweren Nebenwirkungen, bis hin zum Tod des Kindes führen kann, ist vielen werdenden Eltern nicht bewusst. Fast alle deutschen Kliniken setzen Cytotec in der Geburtsmedizin ein und verschweigen oder verharmlosen die Nebenwirkungen. Dass es bereits weltweit Todesfälle gibt, kam jetzt an die Öffentlichkeit.

In Deutschland wird eine Geburt in den meisten Fällen dann eingeleitet, wenn der Geburtstermin überschritten wurde oder es zu einem vorzeitigen Blasensprung kommt. Auch Diabetes bei der Mutter kann ein Grund für eine Geburtseinleitung sein. Damit überhaupt Wehen einsetzen, muss ein Medikament verabreicht werden. Das Magenschutzmittel Cytotec, das in den 1980er Jahren entwickelt wurde, gehört zu den am häufigsten verwendeten “Wehenmitteln”. Es regt die Gebärmutter an und fördert damit die Wehen. Die Universität Lübeck hat in einer Umfrage herausgefunden, dass jede zweite deutsche Klinik Cytotec in der Geburtsmedizin verwendet.

Cytotec

Die Einleitung der Geburt mit Medikamenten soll die Gebärmutter geburtsbereit machen und Wehen auslösen. Das macht eigentlich der Körper der Mutter und der Körper des Babys allein. Beide bereiten sich hormonell und körperlich auf die kommende Geburt vor. Wenn beide startklar sind, dann beginnt die Geburt. Der Einsatz von Medikamenten sorgt dafür, dass die Geburt früher beginnt. Dabei reift die Gebärmutter in rasantem Tempo, häufig sind die Geburten dann extrem schnell. Denn Cytotec führt nicht nur zu Kontraktionen der Gebärmutter, es verkürzt auch die Pausen zwischen den Wehen dramatisch. 

Die Pausen sind aber wichtig, weil sich währenddessen die werdende Mutter erholen kann. Auch das Baby bekommt in den Pausen die notwendige Sauerstoffversorgung, um die Wehen und den Druck durchs Becken gut auszuhalten.

Wehenmittel beschleunigen also die Geburt. Der Preis für die Beschleunigung sind häufig “Wehenstürme”. Dabei folgt Wehe auf Wehe, es gibt keine Pausen, keine Erholung für Mama und Baby. Wenn die Gebärmutter überlastet ist, dann kann sie reißen. Die Folge ist eine akute Gefahrensituation: Die Mutter hat einen dramatischen Blutverlust und dem Baby fehlt die Sauerstoffversorgung.  

Einsatz von Cytotec trotz fehlender Zulassung 

Was viele werdenden Eltern nicht wissen: das Medikament ist nicht als Wehenmittel zugelassen. Doch warum dürfen Ärzte Cytotec dann verwenden? In Deutschland gibt es für Ärzte eine “Therapiefreiheit”, auch Label-Off-Use genannt. Das bedeutet: ein hat Arzt aufgrund seiner medizinischen Kompetenz die freie Wahl der Behandlungsmethode. Dazu gehört auch die Gabe von Medikamenten, die für den geplanten Einsatz nicht zugelassen sind. Allerdings sind Ärzte dazu verpflichtet, ihre Patienten darüber aufzuklären, dass es keine Zulassung für die empfohlene Therapie gibt.  

Unsere Hebamme Katharina Jeschke im Interview mit buten un binnen: 

“Die Mütter und Kinder sind während der Geburt durch einen Schleudergang gedreht worden. Sie sind müde, weinen, und haben Schwierigkeiten beim Stillen. Nicht wenige davon zeigen die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Eigentlich sollte die Mama glücklich sein, aber sie ist psychisch und körperlich völlig erschlagen”.  

Hebamme Katharina bezieht ganz klar Stellung zur Verwendung von Cytotec in der Geburtsmedizin. Sie erlebt die erschöpften Mütter und die überlasteten Kinder im Wochenbett.

Auch die Hebammenwissenschaftlerin Dr. Christiane Schwarz sagt: “Jeder puzzelt so ein bisschen herum”, denn bis heute gibt es keine valide Menge an Daten aus kontrollierten Studien, die einen komplikationslosen Einsatz des Medikaments beim Einleiten einer Geburt belegen können. Die Praxis sieht sogar noch kurioser aus: die Cytotec-Tablette werde einfach zerteilt und der werdenden Mutter in einem Glas Wasser verabreicht. Wie viel Wirkstoff von der Tablette dann im Körper der Frau und damit auch beim Baby landet ist bei so einer Methode nicht kalkulierbar.  

Cytotec billiger als zugelassene Wehenmittel 

Nun stellst Du Dir die Frage, ob es kein Wehenmittel gibt, das in Deutschland zugelassen ist. Ein sehr gängiges Mittel ist der sogenannten “Wehentropf” der das Medikament Oxytocin enthält, ebenfalls zugelassen sind Vaginalgele. Diese Mittel sind keinesfalls frei von Nebenwirkungen, allerdings wurden sie in Zulassungsstudien geprüft und im “Nutzen-Risiko-Verhältnis” als positiv bewertet. Oxytocin lässt sich ganz vorsichtig dosieren. Warum verwenden Ärzte also nicht einfach ein Wehenmittel, das zugelassen wurde? 

Die Antwort ist so einfach wie erschreckend: Cytotec ist extrem günstig. Die Tabletten kosten nur wenige Cent, ein Wehentropf oder ein Vaginalgel kann schon mal im dreistelligen Bereich liegen. Zudem argumentieren Ärzte, dass die Anwendung von Cytotec einfacher sei, weil man es schlucken könne. Zudem ist die Wirkung der Tablette sehr viel stärker, weshalb es bei einer Geburtseinleitung mit dem Medikament seltener zu Kaiserschnitten käme.  

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich mit dem Wirkstoff der in Cytotec steckt beschäftigt: Misoprostol darf nur in sehr geringen Dosen in der Geburtsmedizin verwendet werden. Maximal 25 Mikrogramm lautet die WHO-Empfehlung. In Deutschland wird dieser Richtwert meistens um das Vierfache überschritten.  

Wehensturm durch Cytotec kann tödlich sein  

Experten aus den USA und Frankreich warnen ausdrücklich vor dem Gebrauch des Medikaments während der Geburt, denn es bestünde das Risiko, dass die Gebärmutter reißt, was zum Tod von Mutter und Kind führen kann. 

Wie groß das Risiko wirklich ist, lässt sich nur schwer belegen, da es keine wissenschaftlichen Studien gibt. Dennoch gibt rund um den Globus Frauen, deren Babys gestorben sind. Alle Mütter haben eines gemeinsam: sie bekamen Cytotec zur Geburtseinleitung. Der Bayerische Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung berichten von einer Mutter und insgesamt drei Babys, die nach dem Einsatz des Medikaments gestorben sind. Weitere Kinder erlitten zum Teil sehr schwere Hirnschäden, weil sie durch die starken Wehen nicht genügend Sauerstoff bekamen.  

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) warnt explizit vor der Gabe von Cytotec. Denn dort liegen zahlreich Hinweise für schwere Nebenwirkungen beim Einsatz von Cytotec in der Geburtshilfe vor. Besonders dann, wenn das Mittel höher dosiert wird, als von der WHO empfohlen, oder das Medikament anders verabreicht wird, als es vom Hersteller empfohlen wird.  

Viele Ärzte argumentieren mit einem Notkaiserschnitt, falls die Herztöne des Babys während der Wehen sinken. Peter Husslein ist Professor für Geburtshilfe und ein absoluter Gegner von Cytotec: “Ich hab gerade eine Stellungnahme zu einem Fall als forensischer Gutachter verfasst, die Frau ist nach der Gabe von Cytotec gestorben, da hat man jedenfalls nicht schnell genug reagiert.”, sagt er im SZ-Interview. 

Geburtseinleitung ohne Cytotec möglich   

Eine Einleitung der Geburt wird oft gemacht, wenn das Kind nach der 42. Schwangerschaftswoche nicht von alleine auf die Welt kommen möchte. Dann besteht die Gefahr, dass die Plazenta schlechter funktioniert, das Baby also möglicherweise unterversorgt werden könnte. Wie lange das Kind ausreichend versorgt ist, kann vorher niemand genau sagen, deshalb wird den Müttern häufig dazu geraten, sicherheitshalber die Geburt mit Medikamenten einzuleiten. 

Dennoch rät Professor Husslein werdenden Eltern kritische Fragen zu stellen, wenn vom behandelnden Arzt der Rat kommt “Wir müssen die Geburt einleiten”.  

Die erste Frage sollte immer sein, ob die Einleitung der Geburt überhaupt nötig ist. 

Wenn Du als  Mutter sicher bist, dass es dem Baby in Deinem Bauch gut geht, weil es sich gut bewegt, kann dieses wichtige Argument in Deine Entscheidungsfindung für oder gegen die Einleitung der Geburt einfließen.

Über alternative Wehemittel nachdenken 

Erst wenn geklärt ist, dass eine Einleitung wirklich notwendig ist, dann ist es Zeit über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Medikament nachzudenken. Denn alle Medikamente, die für Einleitungen benutzt werden, haben ähnliche Nebenwirkungen. Der einzige Unterschied: einige Medikamente sind besser, die anderen schlechter erforscht. Die möglichen Nebenwirkungen sind zudem unterschiedlich stark ausgeprägt.

Du musst also gut abwägen. Es ist es auch vollkommen in Ordnung, wenn Du Dir zur Entscheidung ein bisschen Zeit nimmst. Wichtig ist, dass Du Dich mit Deiner Entscheidung nicht durch den Personalmangel in der Klinik drängen lässt. Voll belegte Kreißsäle dürfen kein Grund sein, um die Geburt Deines Kindes zu beschleunigen. 

Wenn Du Dich für eine Einleitung entscheidest, solltest Du klar kommunizieren, welches Medikament verwendet werden soll. In Deine Entscheidung solltest Du auch immer die Hebamme mit einbeziehen. Sie war schon bei zahlreichen Geburten dabei und kann unter Umständen erst einmal eine alternative Methode empfehlen, zum Beispiel Akupunktur, ein homöopathisches oder ein pflanzliches Mittel. 

Dass Ärzte ihre Patienten überhaupt nicht aufklären, ist in vielen deutschen Kliniken Standard. Als Patientin musst Du Deine Einwilligung geben, nur dann darf ein Medikament verabreicht werden. Dafür ist es die Pflicht des Arztes Dich über alle Risiken und Alternativen aufzuklären. Das ist leider oft nicht der Fall. Du solltest Dich also nicht scheuen alle Deine Fragen zu stellen um im Zweifel noch einmal darüber nachdenken.

Anwendung nicht nur in der Geburtsmedizin    

Viele Ärzte setzen das Medikament auch vaginal ein, zum Beispiel wenn der Wochenfluss frühzeitig aufhört, es aber noch Rückstände in der Gebärmutter gibt. In diesem Fall führt die Frau die Tablette ein und löst damit erneut Wehen aus. Zwar gibt es hier keine Gefährdung für das Kind, ein Gebärmutterriss ist aber auch nicht auszuschließen.  

Der Hersteller Pfizer hat Cytotec bereits im Jahr 2006 vom Markt genommen. Die Begründung: zu oft wurde das Medikament im Off-Label-Use verwendet. Der Hersteller weist ausdrücklich darauf hin, dass es für die Verwendung in der Geburtsmedizin keine Studien gibt, die ein Nutzen-Risiko positiv bewerten. Ärzte und Apotheken können das Mittel aber aus EU-Ländern importieren. 

Hast Du selbst Erfahrungen mit Cytotec gemacht, dann teile sie gerne – auch anonym – mit anderen werdenden oder betroffenen Müttern. 

Seit 2020 gibt es endlich Fortschritte. Das Magenmittel Cytotec, welches immer wieder auch zur Geburtseinleitung genutzt wird, ist endlich für den Import nach Deutschland verboten. Nachdem es bereits 2006 aus ethischen Gründen vom deutschen Markt genommen wurde, darf es nun auch nicht mehr importiert werden.  Zwischen 2006 und 2020 haben viele Ärzte das Medikament Cytotec weiterhin benutzt, da der Wirkstoff Misoprostol eine gute Wirksamkeit für die Einleitung einer Geburt gezeigt hat. Beliebt war Cytotec besonders durch seine einfache Verabreichungsmöglichkeit. Die Tabletten konnten unkompliziert oral eingenommen werden. Als Magenmittel konzipiert enthält es aber eine hohe Menge des Wirkstoffs Misoprostol. Das führte dazu, dass die Tabletten geteilt werden mussten und damit eine sachgerechte Dosierung nicht in jedem Fall gewährleistet war.

Abgelöst wird Cytotec von dem Medikament Angusta 25. Auch in diesen Tabletten ist der Wirkstoff Misoprostol enthalten. Allerdings in einer viel niedrigeren Dosierung. Diese Tabletten müssen nicht geteilt werden, um die empfohlene Höchstdosierung nicht zu überschreiten. Angusta 25 stammt aus den Niederlanden und ist mittlerweile auch in Deutschland für die Einleitung einer Geburt empfohlen.

Dennoch wird Cytotec weiter eingesetzt

Auch die Nutzung dieses Medikaments bleibt umstritten. Während es manche Ärzte für dringend notwendig und im Kreissaal als unabdingbar halten, ist es für viele andere Geburtshelfer ein ebenso gefährliches Mittel wie Cytotec. Schließlich ist es der Wirkstoff, der einerseits eine Geburt in Gang kommen lässt, andererseits die Nebenwirkungen, wie beispielsweise Wehenstürme bis hin zu Gebärmutterrissen hat.

Schlussendlich bleibt das gleiche Dilemma. Es muss die Abwägung getroffen werden, welches Risiko höher wiegt: Das Risiko, eine Schwangerschaft länger bestehen zu lassen, oder eine Einleitung einer Geburt. Wird diese Abwägung ernst genommen, so ist sie auch für das Fachpersonal nicht einfach zu treffen. Für diese Entscheidung ist es wichtig, dass eine gute Anamnese am Anfang der Schwangerschaft stattgefunden hat und dass der Zeugungstermin möglichst genau bestimmt worden ist. Dann kommen die Babys zwar immer noch innerhalb eines Geburtszeitraumes zur Welt. Der Geburtszeitraum sollte aber möglichst wenig durch Berechnungsfehler verzerrt und beeinflusst sein.

Noch schwieriger ist die Entscheidung für oder gegen eine Geburtseinleitung aber immer für die hochschwangere Mama. Fachpersonal und Eltern bekommen deshalb von der Leitlinie zur Einleitung der Geburt eine fundierte Hilfe bei der Entscheidung. Diese ist Leitlinie gilt für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Letztendlich ist es für werdende Eltern aber wichtig, dass sie gut aufgeklärt sind, dass sie wissen, warum die Schwangerschaft beendet werden soll, welcher Nutzen von den medizinischen Maßnahmen zu erwarten ist, aber auch welche Nebenwirkungen für die Mama, aber auch für das Baby möglich sind.

Diese Überlegung braucht Zeit, damit eine gute und informierte Entscheidung möglich ist. Auch deshalb ist eine gute Vorbereitung auf die Geburt wichtig. Der Online-Geburtsvorbereitungskurs von Hebamme Katharina enthält eine Lektion speziell zum Thema Einleitung der Geburt.

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Julia Schürer

Julia Schürer

Redakteurin bei elternundbaby.com

Bloggen ist meine Leidenschaft. Ich baute mir nebenbei einen Backblog und später einen Mamablog auf. Vor meiner Schwangerschaft arbeitete ich bei einem Online-Händler für Baby- und Kinderartikel.

Heute unterstütze ich zusätzlich als Blogger-Business-Coach und verhelfe Unternehmern und Bloggern durch SEO und Content Marketing mehr Reichweite in den Online Medien.

Katharina Jeschke

Katharina Jeschke

Gründerin von elternundbaby.com und Hebamme

Als Geburtshausleiterin, Hebamme und Mutter unterstütze ich Frauen dabei ihre Herausforderung während, vor und nach der Schwangerschaft besser zu bewältigen.

Um noch mehr Frauen zu erreichen, startete ich elternundbaby.com. Ich freue mich darauf, dich hier begrüßen zu dürfen.