Wächst mein Baby regelgerecht – und legt es auch entsprechend an Gewicht zu? Gerade beim erstgeborenen Kind sind Eltern manchmal unsicher, ob alles in Ordnung ist. Umso wichtiger, dass sie zumindest im Wochenbett der Mutter (und ggf. darüber hinaus) von ihrer Hebamme begleitet werden und auch eine kinderärztliche Praxis ihres Vertrauens zur Seite haben.

Ich erinnere mich noch gut an Sabine, die ich mit ihrer kleinen Lea im Wochenbett betreut habe. Ihr und dem Baby ging es sehr gut, die Kleine entwickelte sich lehrbuchmäßig. Deshalb war ich erstaunt, als mich die sehr zierliche Mutter nach einigen Monaten wieder anrief und mir ziemlich verunsichert erklärte, dass sie sich um ihr Töchterchen sorge. Als ich sie fragte, was denn passiert sei, brach es aus Frau Sabine heraus: „Bei jeder Vorsorgeuntersuchung kritisiert der Kinderarzt, dass Leas Gewicht sehr niedrig wäre. Aber meine Kleine ist nun mal ein zartes Persönchen – und trotzdem hellwach, munter und neugierig! Sie krabbelt mit ihren sieben Monaten sogar schon in der Wohnung herum und isst auch mit gutem Appetit. Das Stillen klappt immer noch prima, und auch die Beikost schmeckt ihr. Das alles habe ich dem Arzt auch gesagt, es blieb aber irgendwie ungehört. Er meinte nur, dass wir ihr Gewicht sehr, sehr gut im Auge behalten müssten und runzelt dabei sogar immer die Stirn. Was mache ich bloß falsch?!“

Ich bat Sabine mir einige Werte aus Leas gelben Kinderuntersuchungsheft zu nennen. Ich schaute mir die Gewichts- und Längenentwicklung im Verlauf der letzten Monate an. Danach konnte ich die Mutter erstmal beruhigen. Wenn sich ein Kind insgesamt gut entwickelt, auch die Gewichtswerte als kontinuierliche Kurve nach oben zeigen und wie bei Lea noch im Normbereich liegen, gibt es auch bei kleinen Leichtgewichten selten Anlass zur Sorge. Im Zweifelsfall können Eltern auch in einer anderen kinderärztlichen Praxis eine Zweitmeinung dazu einholen.

Ich halte es ehrlich gesagt für wenig hilfreich, wenn Eltern in der von Sabine geschilderten Form so verunsichert werden. Aus meiner Sicht wäre es besser, ihnen in solchen Fällen ausführlich zu erklären, warum es bei jedem Baby (und bei einigen besonders) wichtig ist, vor allem in den ersten beiden Lebensjahren den Verlauf der Gewichts- und Größenentwicklung sorgsam zu beobachten. Denn daraus können sich auch Anhaltspunkte ergeben, ob möglicherweise Unregelmäßigkeiten auftreten oder Hinweise auf eine mögliche Erkrankung vorliegen. 

Aus diesem Grund werden bei allen Vorsorgeuntersuchungen die Messergebnisse etwa zum Größenwachstum und zur Gewichtszunahme deines Kindes im „Gelben Heft“ in Diagramme eingetragen. Geschieht das regelmäßig, so bilden sich im Verlauf mehrere Entwicklungskurven deines Kindes heraus. Um nun besser beurteilen zu können, ob damit alles in Ordnung ist, werden diese individuellen Kurven mit denen verglichen, die bei anderen Kindern ermittelt wurden.  

Im Folgenden möchte ich mal einen genaueren Blick auf Kilogramm, Zentimeter, Kurven in Diagrammen und Vergleichswerte werfen und erläutern, was es damit auf sich hat.  

Was bedeutet „Perzentilkurve“?

Auf den hinteren Seiten des „Gelben Heftes“ findest du Diagramme, in die bereits verschiedene Kurven eingezeichnet sind. Sie stellen die prozentuale Verteilung dar, wie sich Kinder in Deutschland z.B. beim Längenwachstum oder bei der Gewichtszunahme im Vergleich zu Gleichaltrigen entwickeln. Diese Kurven sind Wachstumskurven der Normalbevölkerung und werden auch „Perzentilkurven“ genannt. 

In Deutschland weiß man nämlich, wie sich das Gewicht und Größenwachstum bei Kindern in jeweils verschiedenen Altersstufen entwickelt. Diese Werte hat das Robert-Koch-Institut in der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ (KiGGS) über einen sehr langen Zeitraum an sehr vielen Kindern erforscht. Diese bekannten Durchschnitts-, Norm- und Grenzwerte bilden sich in eben jenen Perzentilkurven in den Diagrammen des gelben Heftes ab. 

Hierin werden nun regelmäßig auch die Messwerte eingetragen, die deine Kinderärztin/dein Kinderarzt bei den wiederkehrenden Vorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchung) bei deinem Kind ermittelt. Im Verlauf mehrerer Einträge bilden sich für dein Kind seine ganz persönlichen Perzentilkurven heraus. Sowohl jede für sich als auch ihr Abgleich untereinander sowie mit den bereits vorgegebenen Perzentilkurven bieten dem Arzt/der Ärztin aussagekräftige Informationen über die individuelle Entwicklung deines Kindes. So ist rasch erkennbar, ob sich alles im „im grünen Bereich“ bewegt. 

Es gibt Perzentilkurven

• für den Kopfumfang sowie 

•  jeweils für Jungen und Mädchen getrennt für die Körperlänge (in Zentimetern), das Körpergewicht (in Kilogramm) und den BMI (Body-Maß-Index, der den Körperfett-Anteil angibt). 

Beispiele für Gewicht- und Größenkurven 

In den Diagrammen im gelben Untersuchungsheft sind auch für die Entwicklung von Größe und Gewicht bereits einige Perzentilkurven als Richtschnur eingezeichnet. Dabei steht der Buchstabe P für Perzentile, und die nachfolgende Zahl zeigt die Prozentangabe an. 

Nehmen wir als Beispiel die drei wichtigsten, bereits in den Gewichts- oder Größendiagrammen für Jungen bzw. Mädchen vorgegebenen Perzentilkurven P3, P50 und P97. 

Die P3-Kurve markiert die unterste Grenze des Normbereichs. Würde das Gewicht oder die Größe deines Kindes auf dem 3. Perzentil (P3) liegen, so hieße das: Nur 3 Prozent der gleichaltrigen Kinder (also 3 von 100 Kindern) sind noch leichter bzw. kleiner als dein Kind – und 97 Prozent sind schwerer bzw. größer. 

Die P50-Kurve bildet den exakten Mittelwert (Median) im Normbereich ab. Liegen die Gewichts- oder Größenwerte deines Kindes auf dem 50. Perzentil, so weißt du: Genau die Hälfte (nämlich 50 Prozent) aller gleichaltrigen Kinder ist leichter bzw. kleiner als dein Baby – und die andere Hälfte schwerer bzw. größer. Mit P50 trifft dein Kind also genau die Mitte des Normbereiches. 

Die P97-Kurve wiederum zeigt die oberste Grenze im Normbereich an. Diese Kurve ist das Gegenstück zu P3. Würden sich die Gewichts- oder Größenwerte deines Kindes auf dem 97. Perzentil befinden, kannst du daraus ablesen: Die große Mehrheit aller gleichaltrigen Kinder – nämlich 97 Prozent –  ist leichter bzw. kleiner als dein Kind, und nur drei Prozent ist schwerer bzw. größer als dein Kind.

Was ist normal? 

Die allermeisten Kinder bewegen sich beim Längenwachstum und der Gewichtsentwicklung also irgendwo zwischen der P3- und P97-Kurve. Das kann auch P60 sein (= 60 Prozent der Kinder sind leichter bzw. kleiner als dein Kind und 40 Prozent wiegen mehr bzw. sind größer) oder P25 (= 25 Prozent der Kinder sind leichter bzw. kleiner als dein Kind und 75 Prozent schwerer bzw. sind größer) oder P40 usw. 

Jedes Kind hat seine „eigenen“ Perzentilkurven, denn seine Entwicklung hängt ja auch von seiner genetischen Ausstattung ab. Sind die Eltern eines Kindes eher klein, so ist ihr Baby möglicherweise kein „langer Lulatsch“ – es sei denn, es kommt nach dem Großvater, der stolze 1,92 Meter misst … 

Die persönlichen Perzentilkurven eines Kindes können bei seiner Größen-  und Gewichtsentwicklung auch etwas voneinander abweichen, z.B. P45 beim Gewicht und P55 beim Längenwachstum. In manchen Fällen fallen diese Kurven auch deutlich unterschiedlich aus. Beispiel: Im Größenvergleich entspricht ein Kind dem 45. Perzentil (= 45 Prozent der Gleichaltrigen sind kleiner als das betreffende Kind und 55 Prozent größer) – und im Gewichtsvergleich liegt es auf dem 85. Perzentil (= 85 Prozent der Gleichaltrigen sind leichter als das betreffende Kind und 15 Prozent schwerer). 

Wichtig ist vor allem: Die individuelle Wachstums- bzw. Gewichtskurve eines Kindes sollte sich stets zwischen P3 und P97 bewegen und zudem parallel zur vorgezeichneten P50-Kurve verlaufen – egal, ob darunter oder darüber.

Was ist auffällig?

Nähert sich die Kurve eines Kindes dem 3. Perzentil (also nur 3 Prozent der Kinder sind noch leichter bzw. kleiner als dieses Kind) oder dem 97. Perzentil (also nur 3 Prozent der Kinder sind noch schwerer bzw. größer als dieses Kind), so zeigen sich manche Kinderärztinnen/-ärzte besorgt. Das war in dem geschilderten Fall von Frau S. so – ihre Lea lag in Sachen Körpergewicht kontinuierlich nur knapp oberhalb der P5-Kurve. Und trotzdem war alles in Ordnung mit ihr.

Liegt ein Kind beispielsweise im Längenwachstum dagegen unter dem Wert der 3. Perzentile, so gehört es zu den 3 Prozent der Kleinsten in seiner Altersgruppe und gilt es als kleinwüchsig. Umgekehrt kann es auch über dem Wert der 97. Perzentile liegen. Dann ist es größer als 97 Prozent aller Gleichaltrigen und gilt als großwüchsig.

Beide Abweichungen vom Wachstum der Normalbevölkerung werden als Wachstumsstörung eingeordnet. Dann wird die Kinderärztin/der Kinderarzt ausführlich mit den Eltern darüber sprechen und ggf. auch verschiedene weiterführende Untersuchungen bzw. Behandlungen veranlassen. 

Auffällig kann es auch sein, wenn sich ein Kind kontinuierlich auf einem bestimmten Perzentil oder zumindest dessen Nähe bewegt – und plötzlich diesen Entwicklungsverlauf verlässt. Dann verläuft auch seine persönliche Perzentilkurve nicht mehr parallel zu der vorgegebenen P50, sondern verändert sich im Vergleich deutlich. Beispiel: Ein Kind „startet“ auf P75, seine Kurve steigt dann aber nicht mehr und fällt schließlich auf P3 ab. In einem solchen Fall wird ärztlich nach möglichen Ursachen gesucht. Das gilt auch für einen umgekehrten Verlauf – also wenn sich ein Kind eher im unteren Bereich der Perzentilen entwickelt und plötzlich seine Kurve nach oben hin verlässt, also z.B. überraschend von P25 nach P85 hinwächst.

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Katharina Jeschke

Katharina Jeschke

Gründerin von elternundbaby.com und Hebamme

Als Geburtshausleiterin, Hebamme und Mutter unterstütze ich Frauen dabei ihre Herausforderung während, vor und nach der Schwangerschaft besser zu bewältigen.

Um noch mehr Frauen zu erreichen, startete ich elternundbaby.com. Ich freue mich darauf, dich hier begrüßen zu dürfen.