Die beste Ernährung für menschliche Säuglinge ist die Frauenmilch. Das sollte eigentlich bekannt sein. Dennoch stillen viele Frauen ihre Kinder nicht, oder sie stillen die Kinder kürzer, als ihre Kinder das brauchen.

Fragt man die Mütter, weshalb sie so kurz oder gar nicht stillen, gibt es wenige, die von vornherein gar nicht stillen möchten. Ungefähr 90% der Schwangeren geben an, dass sie ihr Baby nach der Geburt stillen möchten. Diese Zahl wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Verbraucherschutz veröffentlicht. 87% der Frauen legen ihr Baby direkt nach der Geburt an und am Ende des Wochenbettes stillen nur noch 57% der Frauen. Die Stillquote sinkt drastisch weiter. So stillen am Ende des vierten Monats nur noch 40% der Mütter und lediglich 13% der Mütter stillen ihr Baby ausschließlich bis zum Ende des sechsten Monats. Dabei ist die Empfehlung der WHO, dass Säuglinge bis zum Ende des sechsten Monats ausschließlich mit Frauenmilch ernährt werden sollen.

Fragt man die Mütter, weshalb sie von ihrem Vorhaben abgewichen sind, sind das die Hauptgründe für ihr vorzeitiges Stillende:

  • zu wenig Milch
  • Schmerzen beim Stillen
  • Eine Brustentzündung

Aus Sicht der Mütter sind dies unbestritten wichtige Gründe für ihre Entscheidung.

Aber ist dies wirklich der Grund für diese kurze Stilldauer?

Hat möglicherweise die Beratung durch das medizinische Personal oder das gesellschaftliche Umfeld einen Einfluss auf die Entscheidung der Mütter? 

Diese Frage drängt sich auf. Schließlich ist es ja seltsam, dass das Gedeihen so vieler Säuglinge offenbar von der Möglichkeit abhängt, dass eine alternative Ernährungsform möglich oder greifbar ist.

Dass die Säuglingsnahrungsindustrie und deren Werbemaßnahmen einen Einfluss auf das Stillverhalten haben, ist erwiesen. Und diesen Einfluss hat die Nahrungsmittelindustrie nicht nur auf die Mütter, sondern auch auf das Fachpersonal, das die Mütter eigentlich beim Stillen unterstützen sollte. 

Gerade dann, wenn Probleme wie beispielsweise Schmerzen beim Stillen eine junge Mama belasten, wäre es wichtig, dass das Fachpersonal unbeeinflusst durch Marketingmaßnahmen der Säuglingsindustrie den Müttern beistehen würde.

Am 7. Februar 2023 wurde eine Serie von Studien veröffentlicht, die sehr deutlich macht, dass Werbung für Muttermilchersatznahrung einen massiven Einfluss auf das Stillverhalten der Mütter hat. 

Mich verwundert das nicht, denn ich erlebe seit Jahren, dass Mütter vermeintlich besser über die Flaschennahrung informiert sind, als über das Stillen. 

Hersteller von Muttermilch-Ersatzprodukten machen für künstliche Flaschennahrung ungeniert Werbung. Und zwar, obwohl das nach dem sogenannten Muttermilch-Kodex der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon seit 1981 die Länder dazu aufruft, Werbung für Babynahrung, Flaschen und Sauger zu untersagen. Der Kodex ist kein Gesetz, aber er ist als dringender Apell an die Regierungen zu verstehen, gesetzliche Instrumente zu schaffen, die die Verbraucher (als Mütter und Säuglinge) ausreichend schützen können. Schon 2005 haben mehr als 60 Staaten diesen Kodex in gesetzliche Maßnahmen umgesetzt, auch die EU-Staaten. Und dennoch kann der Kodex seine Wirkung nicht ausreichend entfalten.

Man könnte glauben, das wäre nur ein Problem in Ländern, in denen schlechte Hygienebedingungen oder sozio-ökonomische Gründe dafür verantwortlich sind, dass die Säuglingsnahrung nicht richtig zubereitet werden kann. Dem ist aber nicht so. Ineffektives (also zu kurzes Stillen) gefährdet auch in den Industrienationen die Gesundheit von Müttern und Kindern. Bereits 2016  wurde eine Studie über die Auswirkungen des kurzen, bzw. subotimalen Stillens auf die Gesundheitskosten der USA veröffentlicht. 

Die WHO und Unicef erneuerten 2022 nach dem Bericht über die negativen Auswirkungen von Werbung und Lobbyarbeit das medizinische Fachpersonal und die Eltern ihre Forderung, Werbemaßnahmen nachhaltig zu verbieten.

Nun hat die renommierte medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“ eine neue Studienreihe („Lancet Breastfeeding Series“) zum Thema Stillen und Muttermilch-Ersatzprodukten publiziert.

Sie kommt zu dem Ergebnis, dass der Konsum von künstlicher Babymilch durchjahrzehntelange aggressive Werbung der Hersteller auf der ganzen Welt massiv angestiegen ist. Nur knapp die Hälfte aller Kinder werden noch entsprechend der WHO-Empfehlungen mindestens ein halbes Jahr lang voll gestillt. Mütter, die ihren Kinder über den zweiten Geburtstag hinaus die Möglichkeit des Teil-Stillens ermöglichen, werden stigmatisiert. Dabei entspricht genau das der Empfehlung der WHO.

Die Hersteller von Fertignahrung für Säuglinge haben daran ihren Anteil. Sie werben erfolgreich für ihre Säuglingsnahrung. Die Werbeetats der Hersteller von Baby-Nahrung sind in den letzten zehn Jahren um 164 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hat die Branche weltweit zwischen 2005 und 2019 ihre Verkäufe von Muttermilch-Ersatzprodukten mehr als verdoppelt: Sie sind von 1 auf 2,2 Millionen Tonnen pro Jahr gestiegen! Parallel dazu wird Babys und Kindern heute so viel künstliche Flaschennahrung verabreicht wie nie zuvor. 

Warum ist Werbung für künstliche Babymilch so schlimm?

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Muttermilch die gesündeste Nahrung für Säuglinge ist und sich positiv auf die langfristige gesundheitliche Entwicklung eines Menschen auswirkt. Trotzdem betreiben die Hersteller künstlicher Babymilch auch irreführende Werbung für ihr Produkt. Sie preisen es zum Beispiel als „besonders gesundheits- und immunfördernd“ an und manipulieren Eltern damit gezielt. The Lancet stellt dazu fest: „Jahrzehntelang hat die kommerzielle Milchnahrungsindustrie Marketingstrategien angewandt, um die Ängste und Sorgen von Eltern auszunutzen und auf diese Weise die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern für sich in ein Milliardengeschäft zu verwandeln.“ Dieses Geschäft generiert laut der Studie jedes Jahr Einnahmen in Höhe von etwa 55 Milliarden Dollar.

Um Mütter und Babys vor der Beeinflussung durch solche Marketingaktivitäten zu schützen, verbietet der internationale Muttermilch-Kodex der Weltgesundheitsorganisation seit 1981 jegliche Werbung für alle Muttermilch-Ersatzprodukte für Säugling. Auch Werbemaßnahmen und Vergünstigungen für das Gesundheitspersonal sind demnach untersagt. „Aber auch nach mehr als 40 Jahren hält sich kein einziger Hersteller vollständig an diese Vorgaben“, kritisiert die Initiative für eine Transparente Zivilgesellschaft.

Wenn verunsicherte Mütter dann lieber den Botschaften der Hersteller glauben (z.B. „stärkt das Immunsystem Ihrer Kleinen!“) und statt ihre Kinder zu stillen lieber zu Milchpulver und Fläschchen greifen, kann das schlimmstenfalls tödliche Folgen für die Babys haben. Warum? Weil Milchpulver für Säuglinge zwingend mit sauberem Trinkwasser angerichtet werden muss – weltweit aber zwei Millionen Menschen gar keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben! Laut wissenschaftlichen Erkenntnissen sterben jedes Jahr auf unserem Globus hunderttausende Kinder an den Folgen verunreinigter Flaschennahrung. Denn in vielen Fällen führt sie zu Durchfallerkrankungen – was bei den Jüngsten weltweit die zweithäufigste infektiöse Todesursache ist. 

Betrifft das auch die Industrienationen? Das Säuglingsnahrung ausreichende hygienische Bedingungen braucht, ist nur ein Aspekt. Die schützenden Faktoren der Muttermilch vor Infektionen, Autoimmunerkrankungen oder auch Krebserkrankungen unter anderem sind Aspekte, die auch eine entscheidende Rolle spielt und alle Menschen, unabhängig von ihrer sozialen und gesellschaftlichen Herkunft betrifft.

Großkonzerne wie Nestlé scheint das nicht zu erschüttern. Sie nehmen mit ausgeklügelten Strategien einfach weiter Einfluss auf Eltern, politische Entscheidungsträger*innen und Fachleute im Gesundheitswesen. Das belegen die Autor*innen der „Lancet Breastfeeding Series“. Dabei wird auch beleuchtet, wie kommerzielle Hersteller durch erfolgreiche Lobbyarbeit ihren wirtschaftlichen Spielraum erweitern und eine wirksame gesetzliche Regulierung von Milchpulver-Werbung verhindern. 

Deshalb hat „Aktion gegen den Hunger“ auch die Kampagne „Nestlé: Stopp deine Werbung für Babymilch!“ gestartet. Wenn du möchtest, kannst du sie durch deine Unterschrift unterstützen.

Mit meiner online-Hebammenhilfe unterstütze ich die Mütter, die Sorgen und Probleme rund um das Thema Stillen haben.

Stillen ist kein Selbstläufer (mehr). Deshalb ist es wichtig, dass sich Schwangere auch auf das Stillen vorbereiten. Denn sie werden auch beim medizinischen Fachpersonal auf Informationen und Tipps stoßen, die geprägt durch die Werbeversprechen der Säuglingsnahrungsindustrie sind. Das ist vielleicht keine befriedigende Erkenntnis. Aber es zeigt sich auch an dieser Stelle, dass es wichtig ist, dass Eltern mit viel Wissen die Entscheidungen für ihr Baby fällen können und dazu gehört auch die Entscheidung, wie das kleine Kind ernährt werden soll. Der Online-Stillkurs von Hebamme Katharina hat den Vorteil, dass er für die Vorbereitung auf das Stillen gut ist, aber auch die Fragen beantwortet, die beim Stillen auftreten werden. Mit ihm werden Mütter zu Fachfrauen des Stillens und die gesunde Ernährung ihrer Kinder.

Bitte keine Missverständnisse: Auch künstliche Babymilch ist bei Bedarf okay!

Warum ich mich gegen Werbung für Muttermilch-Ersatzprodukte wende, habt ihr sicher verstanden. Ich spreche mich auch dafür aus, dass das Werbeverbot entsprechend dem Muttermilch-Kodex der WHO weltweit in den nationalen Gesetzen unmissverständlich verankert wird. 

Das bedeutet aber nicht, dass ich etwas gegen Muttermilch-Ersatzprodukte an sich habe. Im Gegenteil! Es gibt viele Mütter, die aus sehr unterschiedlichen Gründen gar nicht stillen können oder wollen bzw. kürzer stillen, als die WHO es empfiehlt. Hierzu kann ich nur sagen: In all diesen Fällen ist die Fläschchen-Nahrung ein Segen! 

Mir geht es jedoch darum, Stillbarrieren abzubauen, das Stillen zu fördern und über die positiven Effekte des Stillens für das Kind und die Mutter zu informieren. Genau deshalb ärgere ich mich ja so, wenn diese Informationen den Müttern vorenthalten werden beziehungsweise sogar – auch durch Werbung für Ersatzprodukte – falsches Wissen verbreiten. 

Denn die einzig natürliche Anfangsnahrung fürs Baby bleibt die Muttermilch. Sie entspricht optimal den Bedürfnissen des Säuglings.

Die Anfänge von künstlicher Babymilch 

Der der deutsche Chemiker und Universitätsprofessor Justus Liebig 1865 die erste Fertignahrung für Babys entwickelt. Sie war zunächst eine flüssige „Suppe für Säuglinge“, etwas später dann das pulverisierte „Kindermehl“ – und schon ziemlich bald ein Verkaufsschlager. Damals ersetzte diese Milchnahrung eine unzulängliche Säuglingsernährung für die Kinder, die nicht gestillt werden konnten.

Dann kam Heinrich Nestle (1814 – 1890). Der in Frankfurt geborene Apothekengehilfe ging nach seiner Lehre in die Schweiz, nannte sich nun Henri Nestlé und begründete dort 1866 den gleichnamigen späteren Weltkonzern. Er veränderte Liebigs Rezept und brachte das lösliche Milchpulver unter seinem eigenen Namen als Muttermilchersatz erfolgreich auf den Markt. Aber nicht Lebensmittelhändler, sondern Apothekern und Ärzten vertrieben die Dosen. 

1875 verkaufte Henri Nestlé sein Unternehmen und zog sich zurück. Damals wurden schon über eine Million Dosen pro Jahr produziert und in 18 Länder auf fünf Kontinenten vertrieben.

Nach und nach widmeten sich auch andere Hersteller und Forscher der Instand-Kuhmilch, teilweise wurden auch Enzyme zur leichteren Verdauung hinzugesetzt.

Von Anfang an bis heute müssen die Fertigpräparate mit hygienisch einwandfreiem Trinkwasser zubereitet werden. Darauf weisen alle Hersteller hin. Nur nützt dieser Hinweis vielerorts nichts, wenn dort gar kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung steht.

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Katharina Jeschke

Katharina Jeschke

Gründerin von elternundbaby.com und Hebamme

Als Geburtshausleiterin, Hebamme und Mutter unterstütze ich Frauen dabei ihre Herausforderung während, vor und nach der Schwangerschaft besser zu bewältigen.

Um noch mehr Frauen zu erreichen, startete ich elternundbaby.com. Ich freue mich darauf, dich hier begrüßen zu dürfen.