Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe nichts gegen Smartphones im Kreißsaal. Es ist gut verständlich, dass frisch gebackene Eltern einige der ersten magischen Momente mit ihrem Kind nach der Geburt als Foto oder Video festhalten und vielleicht auch mit anderen teilen möchten. Deshalb steht ja auch auf meiner Checkliste für die Kliniktasche das Ladekabel fürs Handy. Ich möchte nämlich vermeiden, dass das zu Hause vergessen wird, sonst gibt es nur zusätzliche Aufregung im Kreißsaal. 

Vielleicht wunderst du dich jetzt, dass ich das Thema „Smartphone“ hier trotzdem anspreche? Ganz einfach – ich finde, dass es zu einer guten Geburtsvorbereitung gehört, sich auch darüber vorher ein paar Gedanken zu machen.

Die kostbare erste Zeit zu dritt

Schauen wir uns mal eine Situation an, die ich schon viele Mal im Kreißsaal erlebt habe: Das Baby ist soeben geboren und liegt in seinen allerersten Lebensmomenten Haut auf Haut bei der Mutter. Und der stolze Papa wirft seinen ersten Blick nicht direkt aufs Kind, sondern durch die Fotolinse seines Smartphones. Ist die „frohe Botschaft“ dann in den sozialen Netzwerken erstmal gepostet, prasseln postwendend Glückwünsche auf die Eltern ein. Oft fühlen sie sich dann gezwungen, darauf gleich zu reagieren.  

Ich empfinde es als wirklich schade, wenn Eltern diese erste magische Zeit mit ihrem Kind nicht ungestört verbringen können. Denn diese Augenblicke sind absolut einmalig – und auch bedeutsam für die so wichtige erste Bindung. Ihr solltet sie daher ohne jede Ablenkung genießen können. Selbst wir Hebammen ziehen uns in dieser Situation in den Hintergrund zurück. Da liegt ein winziger Mensch: euer Kind, euer persönliches Wunder. Diese Momente gehören euch ungestört allein. Und ihre unbeschreibliche Magie lässt sich auch kaum per Film oder Foto festhalten. Vertraut darauf: Euer Baby ist einige Stunden nach der Geburt noch genauso süß, einzigartig und wunderbar, dass sich alle auch später noch genauso über die Nachricht und erste Bilder freuen werden.

In meinen Geburtsvorbereitungskursen erlebe ich immer wieder, wie sehr sich viele Eltern unter Druck fühlen, ihre Familie und Freunde sofort und hautnah über die Geburt informieren zu „müssen“. Daher möchte ich euch hier sehr ermutigen: Ihr allein entscheidet, wann ihr bereit seid, andere Menschen an eurem neuen Leben mit dem Baby teilhaben zu lassen! Lasst euch bei dieser Entscheidung nicht von möglichen Erwartungen anderer leiten. Im Gegenteil: Sagt allen schon vorher Bescheid, dass ihr die erste Zeit zu dritt ganz für euch haben möchtet. Dann können erst gar keine falschen Erwartungen bei euren Angehörigen und Freunden aufkommen.

Hat euer Baby dann das Licht der Welt erblickt, benötigt es eure volle Aufmerksamkeit. Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Damit wird auch der Grundstein für eure Beziehung zum Kind gelegt. Auf diese Weise wird es euch sehr viel leichter fallen, die Signale eures Babys früh wahrzunehmen, richtig zu deuten und zu beantworten. Mehr über Babys erste Lebensstunden könnt ihr hier im Blog lesen.

Geburtsarbeit braucht Konzentration und Unterstützung

Mich bewegt aber nicht allein die Frage, ob und wann jemand das Smartphone nach der Geburt im Kreißsaal in die Hand nimmt – sondern ob und in welchem Moment das auch während der Geburt geschieht. Denn beides sind sehr sensible, intime und auch störanfällige Zeiten.   

Es ist kaum zu glauben – aber es gibt Väter, die den gesamten Geburtsverlauf von der ersten bis zur letzten Wehe akribisch mit dem Smartphone dokumentieren möchten. Statt die Gebärende bei der Geburtsarbeit zu unterstützen, machen sie davon lieber Fotos und Filmchen. Einige Paare haben das vorher untereinander sogar abgesprochen, es gibt also auch Mütter, die das befürworten.

Aus der fachlichen Sicht einer Hebamme kann ich das nicht gutheißen. Denn eine solche Szenerie im Kreißsaal bedeutet viel Ablenkung für die Mutter. Das kann den Geburtsverlauf erheblich beeinträchtigen oder sogar unterbrechen und auch die Arbeit der Hebamme empfindlich stören. Ob vorher abgesprochen oder nicht: Gebärende können sich deutlich schlechter auf den Geburtsprozess einlassen und sich darauf konzentrieren, wenn sie dabei ständig „abgelichtet“ werden. Tatsächlich gefährdet eine solche „Dokumentation“ sogar den natürlichen Geburtsablauf, ich kann davor also nur warnen. Darüber hinaus geht der Mutter auch die so wichtige Unterstützung ihrer Geburtsbegleitung verloren, wenn diese mal wieder mit dem Smartphone beschäftigt ist.

Was mich immer wieder ein bisschen fassungslos macht: Im Internet lassen sich nicht wenige Videos oder Bilder von Geburten finden – und zwar in persönlichsten Momenten. Aber ich frage dich: Möchtest du im Netz wirklich Hauptdarstellerin eines Handyvideos sein, das dich z.B. gerade beim Veratmen einer Wehe oder beim Pressen zeigt? Und möchtest du, dass dieses Bildmaterial über eine sehr intime Situation in deinem Leben womöglich auch noch „geteilt“ und herumgereicht wird? Vielleicht ist das für dich ja in Ordnung. Aber ich schaue kritisch auf die Meinung deines Babys. Das kann sich ja gar nicht dazu äußern. Obwohl es theoretisch ein eigenes Recht an seinen Bildern hat. Ich habe Schwierigkeiten mir vorzustellen, dass ein Mensch damit einverstanden sein kann, dass von dem Moment, in dem er ins Leben tritt, Bilder in der Öffentlichkeit kursieren würden. Neugeborene können aber noch nicht sagen: Stopp – ich will das nicht!

Problematisch finde ich auch, wenn manche Mütter und/oder ihre Geburtsbegleitungen im Kreißsaal andauernd mit dem Smartphone „abschweifen“. Auch das erleben wir Hebammen: Gebärende, die sich in Wehenpausen mehr auf ihre Social Media Accounts oder die Beantwortung von E-Mails konzentrieren, statt sich auszuruhen und Kräfte für die nächste Wehe zu sammeln. Begleitende Väter, die sich durch Nachrichten, Apps, Bundesligatabellen oder dienstliche Anfragen scrollen, während neben ihnen gerade die nächste Wehe auf ihre Liebsten zurollt, nutzen diese wertvollen Pausen ebenfalls nicht.

Es fehlt dadurch beiden die Möglichkeit zum Ausruhen. Es werden dadurch aber bei der Gebärenden auch die Hormone gestört, die schmerzlindernd wirken. Es wundert dann nicht, wenn diese Frauen eine PDA oder Opioide als Schmerzmittel benötigen. Das hilft der Mama in diesem Moment. Das erschwert dem Baby aber die ersten Lebenstage. Der Preis für das Baby ist also ziemlich hoch.

Mein Fazit

Ich möchte hier noch einmal betonen, dass ich großes Verständnis dafür habe, wenn Eltern einige persönliche Geburtserinnerungen festhalten möchten. Dabei kann das Smartphone mit all seinen technischen Möglichkeiten ein komfortabler Helfer sein. In dieser Rolle sollte es jedoch bleiben – nicht aber die Regie bei der Geburt übernehmen.

ÜBRIGENS: Auch Selfies mit der geburtsbegleitenden Hebamme im Kreißsaal erfreuen sich stetig wachsender Beliebtheit. Mein Tipp für euch, wenn ihr im Kreißsaal fotografieren bzw. filmen wollt: Holt euch in jedem Fall vorher die Zustimmung vom geburtshilflichen Team, dass es ggf. mit ins Bild gerückt werden darf. Das verlangt nicht nur der respektvolle Umgang miteinander, sondern ist auch eine juristische Frage. Denn auch im Kreißsaal besitzen alle Anwesenden das Recht am eigenen Bild! 

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Katharina Jeschke

Katharina Jeschke

Gründerin von elternundbaby.com und Hebamme

Als Geburtshausleiterin, Hebamme und Mutter unterstütze ich Frauen dabei ihre Herausforderung während, vor und nach der Schwangerschaft besser zu bewältigen.

Um noch mehr Frauen zu erreichen, startete ich elternundbaby.com. Ich freue mich darauf, dich hier begrüßen zu dürfen.