Für schwangere Frauen und frisch gebackene Mütter bzw. Eltern schreibt das Leben besondere Geschichten. Darin geht es um Alltagsmomente und herausragende Situationen, um Wünsche, Erwartungen und Enttäuschungen, um Bindung und Beziehung, um Fähigkeiten, Entwicklungen, Probleme und Veränderungen –  eben um Einblicke in „ganz normale“ Mama- oder Papa-Tage. Jede dieser Geschichten ist es wert, erzählt zu werden.

Mich erreichen viele Geschichten von Eltern. Über diesen Blog sowie online in meinen Kursen, meinen Workshops und auch in meiner Hebammenberatung

Die Mamas wünschten sich, ihre Geschichten zu teilen. Dabei sind sämtliche Namen anonymisiert.  Wenn du auch deine Geschichte erzählen möchtest, freue ich mich sehr über deinen Geburtsbericht.

Annes Geburtsbericht:  Die Geburt habe ich mir anders vorgestellt

Anne: „Die Geburt meines Babys werde ich nie vergessen“

Von außen betrachtet muss die Geburt meines ersten Kindes auf alle, die dabei waren, fürchterlich gewirkt haben. Nur auf mich nicht. Und das kam so:

Erstmal war ich überglücklich, überhaupt schwanger geworden zu sein. Das war nämlich gar nicht selbstverständlich nach einer ziemlich radikalen Operation an meinem Gebärmutterhals. Danach hatte mir mein Gynäkologe mit Bedauern mitgeteilt, ich könnte zwar ein Kind austragen, aber auf „natürlichem Wege“ nicht mehr schwanger werden. 

Nach sorgfältigem Nachdenken kam für uns eine künstliche Befruchtung nicht in Frage. Ich musste mich also wohl oder übel damit abfinden, ein Leben ohne eigene Kinder zu führen. Das hat eine ganze Weile in Anspruch genommen. In Wirklichkeit sogar einige Jahre, in denen Zeiten der Zuversicht immer wieder mit Momenten tiefer Traurigkeit abwechselten. Es war halt nicht so einfach, sich von seinem Lebensplan – und dazu gehörten für mich Kinder! – zu verabschieden.

Mit 30 Jahren konnte ich dann schon etwas ruhiger in die Zukunft blicken und meinen Platz jenseits des Mutterdaseins besser annehmen. Geholfen hat mir dabei auch, dass meine jüngere Schwester mir erlaubte, eine gute Tante zu sein. Sie ließ mich am Leben meiner kleinen Nichte so intensiv wie möglich teilnehmen und freute sich ohne jedes Konkurrenzgefühl darüber, dass die Kleine mich mochte und sich von mir auch an schwierigen Tagen gern betreuen ließ. Meine Schwester empfand das als große Entlastung, – und ich als großen Trost in meiner Kinderlosigkeit. Ich habe daraus gelernt, dass auch andere als die eigenen Kinder glücklich machen können!

Dann wurde ich mit 34 Jahren doch noch schwanger, und zwar auf ganz natürlichem Wege. Mein Gynäkologe nannte das ein „Wunder“, das ich kaum fassen konnte. Ich finde bis heute keine Worte für mein Glück, das ich damals empfunden habe! Und das blieb so während der gesamten Schwangerschaft. Rückblickend kann ich sagen, dass diese Zeit für mich wohl die schönste in meinem ganzen bisherigen Leben war. Ich erinnere mich noch gut, wie ich schon sehr frühzeitig loszog, um mir Umstandsklamotten zu kaufen, und es gar nicht abwarten konnte, bis sich mein Bauch wölbte. 

Dieses Kind habe ich schon geliebt, als es noch als Mini-Pünktchen in meiner Gebärmutter nistete. Stundenlang habe ich mit diesem Pünktchen auf dem Sofa verbracht, mir zärtlich über den (noch lange) flachen Bauch gestrichen und dem kleinen Zellklumpen die schönsten Kindergeschichten erzählt. Das war bereits innige Zweisamkeit, noch bevor ich überhaupt sicher sein konnte, ob die Schwangerschaft überhaupt erhalten bleiben wird.

Aber ich blieb schwanger! Glückselig hangelte ich mich durch das erste, zweite und dritte Trimester. Irgendwann erfuhr ich dann durch den Ultraschall, dass es ein Mädchen werden wird. Daraufhin schaffte ich mir unzählige Namensbücher an, in denen ich nach dem „richtigen“ Namen für unser kleines Wesen forschte. Und ich strickte wie verrückt kleine Jäckchen, Mützchen und Schühchen, während sich mein Bauch zu einem prächtigen Exemplar rundete. 

Am Tag des errechneten Entbindungstermins tat sich dann aber rein gar nichts. Ich war nicht traurig darüber, auch wenn ich mittlerweile 25 Kilogramm mehr mit mir herumschleppte. Noch ein paar Tage länger konnte ich locker aushalten. Ich war bereit für die Geburt, hatte es damit aber nicht eilig.

Die Kontrolluntersuchungen beim Frauenarzt wurden nun engmaschig. Am achten Tag nach errechnetem Termin legte er dann morgens ein Prostaglandin an meinen Muttermund, um zu bewirken, dass der weich wird. Etwas später wurde ich in der Entbindungsklinik bei der Hebamme vorstellig. Ein ziemlich unangenehmes Ziehen in meinem Unterbauch schien den Start der Geburt anzukündigen, doch die Hebamme meinte nach der Untersuchung bloß: „Das wird wohl heute nichts mehr, Sie können nochmal nach Hause.“ Während ich mich von der Liege erhob, platzte jedoch meine Fruchtblase. Also Kommando zurück, den Mann nach Hause schicken, um mein Köfferchen zu holen – und ansonsten abwarten. 

Das Ziehen im Bauch wurde nach einiger Zeit schwächer und versiegte schließlich ganz. So konnte ich entspannt dem Rat der Hebamme folgen und noch eine Mütze voller Schlaf nehmen, bevor „es“ losgeht. „Es“ ging gegen 16 Uhr mit einer kräftigen Wehe los, die mich weckte. Wenig später freuten wir uns alle, dass der Geburtsprozess nun doch von allein eingesetzt hatte. Im Nachhinein muss ich sagen, dass die natürlichen Wehen schon schmerzhaft waren – aber dieser Schmerz kam mir nicht so unangenehm vor wie die am Vormittag künstlich erzeugten Wehen. 

Die Hebamme, mein Mann und ich waren eigentlich ein gutes Team, sodass ich die folgende Eröffnungsphase recht gut bewältigen konnte. Mein Muttermund öffnete sich so, wie er sollte. Bei etwa acht Zentimetern hatte ich allerdings keine Lust mehr auf den Schmerz, was ich auch lautstark von mir gab. Am liebsten hätte ich in diesem Moment meinen Mann und mein Köfferchen geschnappt, den Zauberstab geschwungen, um den Wehen ein jähes Ende zu setzen, und ab nach Hause. Die Hebamme aber schmunzelte darüber wissend und nannte das ein gutes Zeichen dafür, dass nun bald die Austreibungsphase beginnen würde. Ich schöpfte neuen Mut – und durfte wenig später dann auch schon das erste Mal pressen. Was für eine Erleichterung!

Dass dann irgendwann irgendwas nicht stimmte mit dem Geburtsfortgang, habe ich gar nicht richtig mitbekommen, dafür befand ich mich viel zu sehr im Trudel der Presswehen. „Pressen! Vorsichtig, nur ein bisschen! Hecheln, hecheln, hecheln, nicht pressen, hecheln Sie die Wehe weg!“ So ging es in einem fort und ich funktionierte und folgte nur noch den Anweisungen. 

Während dieser Zeit ging es unserem Kind nicht gut. Der Wehenschreiber ließ jedenfalls erhebliche Stressanzeichen beim Baby erkennen, von denen es sich nach jeder Wehe immer langsamer erholte. Schließlich ging nichts mehr voran, die Kleine saß im Geburtskanals fest. Ihr Köpfchen hatte sich nicht regelgerecht eingestellt und konnte einfach nicht durchtreten. 

Dies alles war den anderen im Kreißsaal wohl klar, mir jedoch nicht. Ich machte einfach nur das, was mir gesagt wurde, und bemerkte nicht einmal, dass noch eine weitere Hebamme und ein zweiter Arzt dazukamen. Selbst meine Einwilligung in den Einsatz einer Saugglocke, den darauffolgenden Dammschnitt und das Positionieren der Saugglocke habe ich kaum registriert. Ebenso wenig das höchst unangenehme und auch umstrittene Kristellern durch die Hebamme parallel zu jedem Wehenhöhepunkt. 

Unter diesen Maßnahmen und den bangen Blicken meines Mannes wurde gegen Mitternacht schließlich unsere Tochter geboren. Mit zunächst nicht gerade berühmten Apgar-Werten. Wochen später gestand mir mein Mann, dass er noch lange davon überzeugt war, unser Kind habe eine Behinderung, weil das nach dieser Geburt gar nicht anders sein könnte. Erst allmählich konnte er Vertrauen fassen, dass unsere Tochter rundum gesund ist. Von ihrer Geburt hat sie lediglich eine diskrete Beeinträchtigung des Gesichtsnervs davongetragen, die noch heute manchmal sichtbar ist, allerdings nur für „Eingeweihte: Zum Beispiel wenn unser Kind müde ist – dann „hängt“ ihre linke Gesichtshälfte minimal tiefer als die rechte. 

Nach der Geburt hatten wir drei dann einige Stunden miteinander, konnten mit unserem „Wunder“ endlich kuscheln und unser Glück kaum fassen. Auch das erste Stillen gelang gut, obwohl die Kleine echt erschöpft und total schlapp war von der ganzen Anstrengung. Die Versorgung meines Dammschnittes wiederum habe ich kaum mitbekommen.

Schon am nächsten Tag zeigte sich dann am Köpfchen meines Kindes eine deutliche Schwellung mit Bluterguss von der Saugglocke. In der Folge entwickelte unsere Tochter eine ausgeprägte Neugeborenen-Gelbsucht. Weil ihr kleiner Körper Unterstützung dabei brauchte, das Hämatom abzubauen, wurde mein Baby nackt in eine Art Inkubator mit UV-Licht verlegt. Daraus durfte ich es nur zum Stillen herausnehmen. 

Ich gebe zu, dass ich mir die ersten Lebenstage von Leonie anders vorgestellt hatte. Nämlich mit ganz viel Kuscheln. So aber saß ich in der Klinik stundenlang vor dem Inkubator, schaute meine Kleine an, die ich nicht in den Armen halten konnte – und heulte, besonders am dritten Tag nach seiner Geburt.

Heute ist das alles nicht vergessen, aber es gehört der Vergangenheit an. Leonie ist zu einem prächtigen, liebevollen und vor allem lustigen Mädchen herangewachsen. Wir beide sind immer noch eng miteinander verbunden, obwohl sie schon bald 10 wird. Und trotz dieser Innigkeit zwischen uns konnte ich sie immer viel Raum lassen, die Welt auszukundschaften und dabei auch Fehler zu machen. Aus meiner Sicht ist die Kindheit unserer Tochter eine Bilderbuchgeschichte. Ob sie selbst das rückblickend auch so beurteilen wird, werde ich vielleicht später erfahren, wenn Leonie mal erwachsen ist. 


 1 Der Kristeller-Handgriff ist eine geburtshilfliche Methode, mit der intensiver Druck auf den sogenannten Fundus uteri, also den höchsten Punkt der Gebärmutter, ausgeübt wird. Dadurch soll das Kind Richtung Beckenausgang geschoben und der Durchtritt des Kopfes beschleunigt werden. Gebärende empfinden diese „Unterstützung“ häufig als gewaltsam. Zudem birgt sie Risiken für die Gesundheit des Kindes. Daher raten führende medizinische Fachgesellschaften wie die „Deutsche Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie“ in ihrer Leitlinie zur vaginalen Geburt vom Kristellern ab. Und auch die WHO riet bereits 2018, die Methode in der Geburtshilfe nicht mehr  anzuwenden. Trotzdem kommt sie noch zum Einsatz, etwa bei Saugglocken- oder Zangengeburten. Auch das Kristellern bedarf vorab der Zustimmung der Gebärenden.

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Katharina Jeschke

Katharina Jeschke

Gründerin von elternundbaby.com und Hebamme

Als Geburtshausleiterin, Hebamme und Mutter unterstütze ich Frauen dabei ihre Herausforderung während, vor und nach der Schwangerschaft besser zu bewältigen.

Um noch mehr Frauen zu erreichen, startete ich elternundbaby.com. Ich freue mich darauf, dich hier begrüßen zu dürfen.