"Du entscheidest - nicht die Werbung"
Worum geht’s 2025 bei der Weltstillwoche– international und in Deutschland?
In Deutschland steht die Weltstillwoche 2025 unter dem Motto „Du entscheidest. Nicht die Werbung.“ – ein klares Statement für informierte, selbstbestimmte Entscheidungen frei von kommerziellem Druck. Die deutsche Aktionswoche findet traditionell in der 40. Kalenderwoche statt: 29. September–5. Oktober 2025.
International betonen WHO und Partner für 2025 die Investition in Stillförderung („Invest in breastfeeding, invest in the future“) bzw. „Prioritize Breastfeeding – Create sustainable support systems“. Der gemeinsame Kern: Strukturen schaffen, die dich wirklich tragen – statt Marketingbotschaften, die dich verunsichern.
Warum Stillen wichtig ist – für dich und dein Baby
Als Hebamme erlebe ich täglich, wie viel Gutes Stillen bewirken kann – und das belegen große Übersichtsarbeiten ebenso:
- Für dein Baby: Weniger Durchfallerkrankungen und Atemwegsinfektionen, geringeres Risiko für Mittelohrentzündungen und Krankenhausaufenthalte im ersten Jahr. Frühgeborene profitieren besonders (u. a. weniger NEC). Hinweise gibt’s auch auf bessere kognitive Entwicklung.
- Für dich: Stillen senkt dein Brust- und Eierstockkrebsrisiko, reduziert das Risiko für Typ-2-Diabetes und kann späteren Bluthochdruck entgegenwirken. Diese mütterlichen Gesundheitsvorteile werden oft unterschätzt.
- Für die Gesellschaft: Investitionen in Stillförderung rechnen sich volkswirtschaftlich – und sind ein Hebel für mehr Chancengerechtigkeit.
Wunsch versus Wirklichkeit in Deutschland: Wo hakt es?
Die gute Nachricht: Fast alle Schwangeren wollen stillen. Die große RKI-Erhebung (KiGGS) zeigt: ~90 % hatten eine Stillabsicht, ~82 % stillten zunächst. Aber: Exklusives Stillen über die Monate fällt deutlich ab – mit 4 Monaten ~40 %, mit 6 Monaten ~13–15 %. Häufigste genannte Gründe, gar nicht zu starten oder früher aufzuhören: wahrgenommene „zu wenig Milch“, Schmerzen/Anlegeprobleme, Zeit-/Organisationsdruck.
Kurz: Der Wille ist da – die Unterstützung und die Rahmenbedingungen fehlen zu oft.
Warum es manchmal schwierig ist (und das ist normal!)
Stillen ist biologisch robust, aber sozial und organisatorisch sensibel. Typische Stolpersteine:
- Der Start: Verzögerter Haut-zu-Haut-Kontakt, Trennung nach der Geburt, frühe Zufütterung ohne medizinische Indikation – all das kann den Aufbau deiner Milchproduktion stören. Deshalb setzen die „Zehn Schritte für erfolgreiches Stillen“ an diesen Punkten an (Babyfreundliche Kliniken).
- Die ersten Wochen: Clusterfeeding, wunde Brustwarzen, Unsicherheit bei Anlege- und Stillposition – alles lösbar, wenn zeitnah Fachwissen an deiner Seite ist. Deshalb ist es wichtig, dass du dich schon in der Schwangerschaft um eine Hebamme für die Wochenbettbetreuung bemühst, die deinen Stillwunsch ernst nimmt und unterstützt.
- Alltag & Arbeit: Schlafmangel, Care-Load, Arbeitsrückkehr – organisatorische Hürden brauchen planvolle Unterstützung, nicht Werbeversprechen. Versuche die Zeit nach der Geburt gut für dich zu organisieren. Nimm dir nicht zu viel vor und hole dir Unterstützung aus deinem Umfeld. Mamas leisten mit der Schwangerschaft, der Geburt und mit dem „Nachbrüten“ des Babys im Wochenbett genug. Zusätzlicher Stress und zusätzliche Aufgaben darfst du wegschieben.
Wenn Marketing Unsicherheiten verstärkt
Die Säuglingsnahrungsindustrie ist professionell darin, deine echten Sorgen (z. B. „zu wenig Milch?“) zu adressieren – aber häufig so, dass am Ende Stillen seltener repariert und häufiger aufgegeben wird. Ein WHO/UNICEF-Bericht mit über 8.500 Eltern und >300 Fachkräften aus 8 Ländern dokumentiert aggressive, emotionalisierende und personalisierte Strategien – von Mama-Communities über Influencer bis zu „Ratgeber-Hotlines“. Auch Sponsoring und Fortbildungen für Fachpersonal können Interessenkonflikte schaffen.
Die Lancet-Serie 2023 beschreibt, wie Marketing Vertrauen in die eigene Stillfähigkeit untergräbt und medizinische Narrative („unzureichende Milch“) verstärkt, statt praktische Lösungen zu fördern.
Die WHO-Kodex-Berichte zeigen: Viele Länder (auch in Europa) haben den Internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten nur teilweise rechtlich umgesetzt; digitale Werbung entzieht sich oft der Kontrolle. Ergebnis: Die Einflussnahme bleibt groß.
Der Blick aufs Große: Wie es weltweit läuft
Global werden 48 % der Säuglinge <6 Monate ausschließlich gestillt – das liegt unter dem Ziel von 60 % bis 2030. Das zeigt: Unterstützung muss früher, breiter und fairer ankommen – in Kliniken, Communities und am Arbeitsplatz.
Was dir wirklich hilft – meine Hebammen-Checkliste
1) Stark starten (Geburt & Klinik)
- Haut-zu-Haut direkt nach Geburt, frühes Anlegen, Rooming-in.
- Frage vorab: Ist die Klinik „Babyfreundlich“ zertifiziert? Wie setzt sie die Zehn Schritte um (z. B. keine Routine-Zufütterung ohne medizinischen Grund, aktive Stillberatung)?
2) Die ersten Tage zu Hause
- Häufig und nach Bedarf stillen (8–12×/24 h), Weckzeichen erkennen.
- Anlege-Basics: tiefer, schmerzfreier Andockpunkt; hörbares Schlucken; nach dem Stillen weiche Brust.
- Milchmenge realistisch einschätzen: nasse/volle Windeln, Gewichtstrend – nicht allein nach „Gefühl“ oder Pumpmenge beurteilen. (Pumpsummen unterschätzen oft, was dein Baby effektiv trinkt.)
- Bei Schmerzen, wunden Brustwarzen, Stau/Mastitis: früh Hilfe holen – Technik optimieren, weiter stillen, Entlastung planen. Evidence-basierte Stillberatung wirkt.
3) Wenn Zufüttern medizinisch nötig ist
- Ziel bleibt: Stillen sichern und Milchbildung schützen (z. B. zuerst Brust, dann geeignete Ergänzung, parallel Milchbildung stimulieren).
- Entscheidend ist warum zugefüttert wird und wie – mit Plan zur Rückkehr zum Vollstillen, falls du das möchtest. (Das fällt in den Rahmen der klinischen Stillleitlinien und der Zehn Schritte.)
4) Arbeit & Alltag
- Rechtzeitig planen: Still-/Abpumprichtung, feste Pausen, geeigneter Aufbewahrungsweg für Muttermilch.
- Pflegeleichte Routine: Einfache Pump- und Reinigungsabläufe, Notfall-Backup (z. B. kleine Muttermilch-Reserven).
So triffst du eine selbstbestimmte Entscheidung (Marketing-Resilienz)
- Frag nach Interessen: Ist das „Infomaterial“ von Herstellern finanziert? Gibt es Sponsoring/Goodies in Kursen oder Praxen? (Der WHO-Kodex verbietet bestimmte Werbeformen – und fordert Unabhängigkeit im Gesundheitswesen.)
- Achte auf typische Taktiken: Emotionalisierte Versprechen („ruhigere Nächte“), „pseudo-wissenschaftliche“ Claims, Influencer-Tipps ohne Offenlegung, „Hotlines“ mit Produktbindung.
- Hol dir zweite Meinungen – ideal bei unabhängigen Fachpersonen mit Stillkompetenz (Hebamme, IBCLC) und in babyfreundlichen Settings.
- Erwarte Lösungen – nicht nur Produkte: Gute Beratung behebt Ursachen des Stillproblems und findet nicht alternative Wege (Anlegeposition, Transfer, Stressoren) statt Stillen vorschnell zu ersetzen. Das ist dein Recht.
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Wenn du dich (auch) für Säuglingsnahrung entscheidest
Deine Entscheidung verdient Respekt. Wichtig ist, dass sie informiert und frei von Werbung getroffen wurde. Fütter‘ responsiv (Signale beachten, nicht „zwingend leertrinken“), halte dich an Hygiene-/Zubereitungsempfehlungen, und lass dich medizinisch begleiten, wenn du zwischen Teil- und Vollstillen wechselst. Auch das steht im Geist des Kodex: Schutz vor unangemessener Vermarktung – nicht Verurteilung deiner Entscheidung.
Und politisch?
Damit individuelle Entscheidungen leichter werden, brauchen wir klare Regeln gegen unangemessiges Marketing – auch digital –, verlässliche Stillberatung in der Regelversorgung und die flächige Umsetzung der Zehn Schritte. Die Statusberichte 2024 erinnern: Beim Kodex bleibt weltweit Luft nach oben.
Meine Hebammen-Botschaft an dich
Du entscheidest. Und du darfst erwarten, dass deine Entscheidung auf solidem Wissen beruht – nicht auf Werbung. Stillen ist wichtig, lohnend und lernbar. Gleichzeitig ist es okay, wenn du einen anderen Weg wählst. Ich wünsche mir, dass du ihn sorgfältig wählst: mit früher, guter Unterstützung, mit kritischem Blick auf Marketing, und mit Rückenwind aus deinem Umfeld.
Bereite dich am besten schon in der Schwangerschaft auf das Stillen vor. Wenn du einen Partner/eine Partnerin an deiner Seite hast, binde diese/n ein. Denn es ist – gerade in der Phase des Milcheinschusses wichtig, dass du Hilfe beim Anlegen bekommst. Das kann auch dein Partner/deine Partnerin übernehmen.