Die Befürchtung stillender Frauen, nicht genug Milch für ihr Baby zu haben und es deshalb nicht ausreichend nähren zu können, ist uralt. Und offenbar nur schwer aus der Welt zu schaffen. Auch ich höre in meinen Beratungen diese Sorge immer wieder. In solchen Fällen versuche ich stets, das Vertrauen der Mütter in ihren Körper zu stärken. Denn eigentlich hat die Natur das ganz einfach eingerichtet: Je häufiger das Baby zum Stillen angelegt wird, desto mehr Muttermilch bildet sich. Hier regelt die Nachfrage des Kindes das Angebot an Muttermilch ganz automatisch. Am Ende dieses Beitrages gebe ich euch noch verschiedene Tipps dazu, was eure Milchproduktion außerdem ankurbeln kann.

An dieser Stelle möchte ich aber noch einmal gesondert auf Stilltees (auch „Milchbildungstees“ genannt) eingehen. Und zwar einfach deshalb, weil mich frisch gebackene Mütter immer wieder danach fragen. Wann soll ich anfangen, solche Tees zu trinken? Wieviel sollte ich davon trinken? Welche Sorte ist empfehlenswert? Auch in meinem Beitrag Aberglauben und Ammenmärchen rund ums Kinderkriegen habe ich schon kurz erläutert, dass die Produktion von Frauenmilch wie gesagt hauptsächlich vom Anlegen des Babys an die Brust beeinflusst wird. Doch offenbar ist das Thema „Stilltees“ für Mütter weiterhin von großem Interesse. Das spiegelt sich auch im immensen Angebot an entsprechenden Kräutermischungen in Drogerien, Apotheken sowie im Internet wider. Mit übrigens zum Teil gigantischen Preisunterschieden! Die können, umgerechnet auf ein Kilogramm Teeblätter, bei bis zu 100 Euro liegen! Aber bewirkt eine Teemischung für 19,80 Euro für ein kleines Päckchen tatsächlich mehr als jene für nur knapp zwei Euro? Natürlich nicht! 

Woraus bestehen Stilltees? 

Als eine Art „moderne Erfinderin“ des Stilltees gilt wohl die bekannte deutsche Hebamme Ingeborg Stadelmann (geb. 1956). Sie hat sich u.a. als Verfechterin der Natur- bzw. Kräuterheilkunde einen Namen gemacht und stellte selbst für oder gegen fast jeden Umstand Tee-Rezepturen zusammen. Darunter natürlich auch einen Stilltee, der die Milchbildung fördern soll und auch in Stadelmanns weit verbreitetem Buch „Die Hebammen-Sprechstunde“ (Stadelmann-Verlag) empfohlen wird. Er besteht aus Anis, Dillfrüchten, Fenchel, Majoran, Melisse und Schwarzkümmel. Sogar andere Hersteller werben teils für ihre Stilltees mit dem Zusatz „nach Stadelmann“. 

Letztlich handelt es sich in jedem Fall um eine Mixtur aus Kräutern, denen eine bestimmte Wirkung zugeschrieben wird. Viele Bestandteile in Stilltees enthalten nämlich sogenannte Galaktagoga, die die Milchbildung anregen (sollen). Diese Wirkstoffe können in Kräutern oder auch Nahrungsmitteln stecken. Ein Galaktagogum kann aber auch in Form eines Medikaments verabreicht werden, etwa wenn der Körper einer stillenden Mutter krankheitsbedingt nicht ausreichend Milch produziert. 

In heutigen Stilltees sind wie bei Stadelmann regelmäßig Fenchel, Anis und Kümmel feste Bestandteile. Die jeweiligen Mixturen der unterschiedlichen Hersteller enthalten darüber hinaus meist noch weitere Kräuter (z. B. Zitronenverbene, Brennnessel, Melisse) oder Samen (z. B. von Bockshornklee, Mariendistel, Dill) in unterschiedlicher Zusammensetzung. Einige der verwendeten Kräuter (wie etwa Fenchel oder Dillfrüchte) wirken außerdem krampflösend und lindern Blähungen, andere sollen für einen angenehmen Geschmack sorgen. 

Rund um den Globus

Still- bzw. Milchbildungstees sollen also die Produktion bzw. den Fluss der Frauenmilch ankurbeln. Allerdings fehlen für die milchbildenden Effekte der Kräutermischungen bisher wissenschaftlich verlässliche Belege. Die aktuelle Studienlage dazu ist nämlich dünn und entsprechend unzureichend, schreibt auch das Europäische Institut für Lactation und Stillen auf seiner Website.  Es gibt lediglich ein paar Hinweise, dass möglicherweise Bockshornklee und Mariendistel die Milchbildung anregen könnten

Fakt hingegen ist: In unterschiedlichen Kulturen wird jeweils anderen Inkredenzien milchbildende Wirkung nachgesagt. Frauen in Teilen Afrikas schwören beispielsweise auf Hirsewein bzw. gesalzene Erdnüsse. Und stillende Mütter in Indonesien greifen zu Bananenblüten und Hühnerfleisch, damit ihre Milch fließt. Auf diese Weise schwören Mütter rund um den Globus über Generationen auf bestimmte Rezepte und geben diese weiter. 

In Deutschland greifen stillende Mutter traditionell gern zu Fenchel-Anis-Kümmel-Tee. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie anstelle dieser Mixtur auf gesalzene Erdnüsse umsteigen würden, um ihre Milchproduktion anzuregen…

Was mich in Deutschland aber immer richtig wütend macht, ist die Tatsache, dass stillenden Müttern immer noch oft empfohlen wird, hin und wieder ein Gläschen Sekt oder Bier zur vermehrten Milchbildung zu trinken. Hier kann ich euch nur sagen: Hände weg vom Alkohol! Erstens trinkt das gestillte Kind über die Muttermilch jeden Schluck Alkohol mit, den die Mutter zu sich nimmt – und das kann beim Baby zu schweren Schädigungen führen. Und zweitens fördert Alkohol nicht die Milchbildung, sondern hemmt sie sogar!

Stilltee: Wirkung ohne Garantie

Was Stilltees anbelangt, so ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass wir uns in Sachen „Nachhilfe für die Milchbildung“ zumindest ein Stück weit auch im Bereich der Glaubensfragen bewegen. Aber auch das kann helfen, denn wer daran glaubt, dass durch einen Stilltee mehr Muttermilch fließt, könnte sich zumindest sicherer und unbesorgter fühlen – was den Milchfluss durchaus positiv beeinflussen kann. Ich kenne jedenfalls viele Mütter, für die ein tägliches Tässchen Milchbildungstee zu einem richtigen kleinen Ritual geworden ist, das ihnen und auch ihrem Baby Momente der Ruhe schenkt – ohne Ablenkung, ohne Alltagskram, ohne Anspannung. Allein solche „Inseln der Entspannung“ unterstützen bereits eine gelingende Stillbeziehung. Warum das Stillen für Mutter und Kind optimal ist, erfährst du hier 

Damit ihr mich richtig versteht: Ich will der Kräuterheilkunde keineswegs ihre Berechtigung sowie bestimmte Wirkungen absprechen. Ich möchte aber klarstellen: 

Der Konsum von Stilltees allein ist kein Garant dafür, dass ausreichend Muttermilch fließt und das Stillen von Anfang an gut klappt. Daher solltet ihr durchaus mit gewisser Skepsis den Werbeversprechen zu Stilltees begegnen. Bestimmte Hersteller warnen Mütter sogar sinngemäß mit folgendem Hinweis: Sollte eine Frau die Teemischung noch vor dem Milcheinschuss trinken, so könne es passieren, dass sie zuviel Muttermilch produziere. Sorry, liebe Mütter, aber das ist natürlich ausgemachter Quatsch! Denn euer Körper stellt ja nicht einfach deshalb Muttermilch her, nur weil ihr Stilltee zu euch genommen habt. Ach wenn das doch so einfach wäre … Aber wie so oft im Leben gibt es auf komplexe Fragen und Zusammenhänge leider keine simplen Antworten bzw. Lösungen. Und sollte es mit dem Stillen nicht wie gewünscht laufen – im wahrsten Sinne des Wortes –, dann liegt die Lösung sicher nicht darin, einen Stilltee zu trinken und alles wird gut. 

Wichtig zu beachten für Mütter ist, dass eine verminderte Milchmenge, trotz guter Anlegetechnik und häufigem Trinken des Babys auch eine ernsthafte körperliche Ursache haben kann. Dazu gehört beispielsweise eine Schilddrüsenfehlfunktion, oder ein nicht erkannter, bzw. nicht richtig eingestellter Diabetes. In diesen Fällen wird das Problem nicht durch das Trinken von Stilltees behoben werden können.  Es ist also wichtig, den Ursachen auf den Grund zu gehen, wenn ernsthafte Stillprobleme bestehen. 

Auf der anderen Seite will ich betonen: Wenn eine stillende Mutter eine Kräuterteemischung gefunden hat, die ihr schmeckt und guttut, spricht nichts dagegen, sich diesen Tee regelmäßig zu gönnen. Denn Stilltee schadet nicht. Und – auch sehr wichtig! – er sorgt für weitere gesunde Flüssigkeitszufuhr. Nur Wunder vermag er nicht zu vollbringen. 

Übrigens: Zur Milchanregung sollen auch sogenannte „Milchbildungskugeln“ dienen. Das Internet ist voller Angebote und Backrezepte. Doch letztlich handelt es sich dabei nur um nützliche Energiekicks für zwischendurch vor allem im Wochenbett, wenn stillende Mütter zusätzliche Kalorien benötigen. Auch diese kleinen Helfer wirken jedoch nicht auf die physiologischen Prozesse der Muttermilchbildung ein. 

Was fördert die Milchbildung verlässlich?

Jenseits von Milchbildungstee und Co. kannst du selbst einiges tun, um deine Muttermilchproduktion in Schwung zu bringen. Dabei ist deine Hebamme immer eine verlässliche Ansprechpartnerin für dich. Scheue dich auch nicht, dir Rat bzw. Hilfe bei ihr zu holen, wenn das Stillen (noch) nicht reibungslos läuft oder du dir Sorgen um das Gedeihen deines Babys machst. Für alle Fragen kannst du dich gerne auch an mich in meiner online Hebammensprechstunde wenden. Gemeinsam finden wir den Grund für dein Stillproblem und die für dich passenden Hilfsmöglichkeiten. 

Ebenso kannst du die La Leche Liga (LLL), deine gynäkologische Betreuung, die Kinderarztpraxis oder eine professionelle Stillberaterin (Laktationsberaterin) kontaktieren. 

Zum besseren Verständnis der physiologischen Vorgänge in deinem Körper beim Stillen möchte ich dir hier noch einen kurzen Überblick geben: 

Was beeinflusst die Produktion von Muttermilch?

Die Rolle der Hormone: Für das Stillen spielen Prolaktin und Oxytocin die Hauptrollen. Die Ausschüttung von Prolaktin sorgt dafür, dass dein Körper Muttermilch bildet. Oxytocin wiederum lässt die Milch fließen, wenn das Baby an der Brust saugt. Dieses Hormon löst nämlich den sogenannten Milchspendereflex aus. Es wird übrigens auch als Kuschelhormon bezeichnet, da der Körper Oxytocin auch bei zärtlichen Berührungen ausschüttet. Deshalb lässt letztlich auch viel Körperkontakt mit deinem Baby die Milch besser fließen. Dazu gehört auch häufiges Tragen deines Babys. Warum das körpernahe Tragen euch und eurem Kind außerdem noch guttut, kannst du hier lesen.

Angebot und Nachfrage regelt die Milchproduktion: Im Zusammenspiel der Hormone funktioniert die Milchproduktion im weiblichen Körper wie schon erwähnt nach dem Prinzip Nachfrage und Angebot. Das heißt: Je öfter dein Baby an deiner Brust trinkt, desto mehr Muttermilch produziert dein Körper. Sehr eindrucksvoll kannst du das erleben, wenn dein Baby einen Wachstumsschub hat. Dann verlangt es nämlich plötzlich häufiger nach deiner Brust, weil ihm die aktuelle Milchmenge nicht mehr reicht. Entsprechend öfter wirst du das Kind jetzt anlegen – und schon nach kurzer Zeit hat sich dein Körper auf die geänderten Bedürfnisse des Kindes eingestellt, und es fließt mehr Milch. 

So kannst du also durch häufigeres Anlegen deine Milchproduktion ankurbeln. Dabei ist es entscheidend, dass das Baby nicht lediglich an deiner Brustwarze herumnuckelt, sondern sie mit seinem Mündchen mitsamt dem Warzenhof umschließen. So kann das Kind am besten saugen und die Milchbildung stimulieren. Biete deinem Baby außerdem bei jeder Stillmahlzeit immer beide Brüste an.  

Viele Frauen sind nach der Geburt verwundert, dass sie anfänglich Probleme haben, dass Stillen am Anfang Schmerzen erzeugen kann und dass beim Milcheinschuss auch eine Brustentzündung entstehen kann. Bereite dich deshalb gut auf das Stillen vor. Der Online-Stillkurs von Hebamme Katharina hilft dir bei der Vorbereitung und während der Stillzeit die Herausforderungen für dich und dein Baby zu meistern. Die Hebammenhilfe bei Stillprobleme bekommst du von Hebamme Katharina in ihrer Video-Sprechstunde. Krankenkasse bezahlen diese Hilfe auch bei Fragen rund um das Thema Stillen.

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Katharina Jeschke

Katharina Jeschke

Gründerin von elternundbaby.com und Hebamme

Als Geburtshausleiterin, Hebamme und Mutter unterstütze ich Frauen dabei ihre Herausforderung während, vor und nach der Schwangerschaft besser zu bewältigen.

Um noch mehr Frauen zu erreichen, startete ich elternundbaby.com. Ich freue mich darauf, dich hier begrüßen zu dürfen.