Heute erzähle ich dir, was Lotte brauchte, um glücklich zu werden und wie Sarah die letzte Woche mit ihrer Tochter gestaltet hat.

Letzte Woche war ich bei Sarah zum Wochenbettbesuch. Ihr Baby war zwischenzeitlich fünf Wochen alt. Eine Blitzgeburt hatte Sarah hingelegt, Stillen klappte, das Baby entwickelte sich prächtig. Eigentlich war bei ihr also alles in Ordnung und deshalb war ich nur noch sporadisch zu Besuchen mit Sarah verabredet.

Bei diesem Besuch erlebte ich allerdings ein völlig neues Bild. Ich sah eine Sarah, die nur noch ein Schatten ihrer selbst war. Sie sah müde aus, ausgezehrt und völlig verkrampft. Sie war einfach nur durch mit ihren Nerven.

Die kleine Lotte war auf ihrem Arm und  schlief. Auf den ersten Blick konnte ich deshalb nicht sehen, was der Grund für Sarahs schlechten Zustand war. Das sollte ich aber schnell erfahren. Kaum im Wohnzimmer angekommen sprudelte Sarahs Geschichte heraus. Seit meinem letzten Besuch hat sich ihr Leben offenbar komplett verändert.

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„Seit drei Wochen“, erzählte sie mir, „brüllt Lotte stundenlang. Anfänglich war das nur am Abend. Zwischenzeitlich weint sie aber auch stundenlang am Tag und in der Nacht.“

Sie ließe sich durch nichts beruhigen. Das erzählte mir Sarah absolut überzeugend, obwohl ich die kleine Lotte gerade selig schlafend erlebte. Stundenlang müsse sie auf und ab getragen werden. Ihr Bauch ist beim Weinen prall aufgebläht und sie wirft auch auf dem Arm ihren Kopf hin und her und sie rudert mit den Armen und Beinen, so dass Sarah sie festhalten muss, damit sie nicht vom Arm fällt, geht Sarahs Schilderung weiter. Klar ist das ermüdend. Natürlich ist Sarah zwischenzeitlich völlig verspannt.

„Das Tragetuch“, frage ich vorsichtig nach, “ist das denn gar keine Hilfe?“

„Nein“, versichert Sarah, „da brüllt sie noch viel mehr.“ Abgesehen davon wäre es für sie unmöglich, das Tuch richtig zu binden, wenn sich Lotte so steif machen würde.

Lotte war inzwischen fünf Wochen alt und Sarah hat das nun über drei Wochen ausgehalten. Sicherlich hat sie schon eine Menge Dinge ausprobiert. Danach erkundigte ich mich, bevor ich mir selbst ein Bild machen wollte.

Sarahs Idee war, dass Lotte Bauchschmerzen hatte. Das war für sie die naheliegende Erklärung. „Koliken“ fachsimpelte ihre Schwiegermutter. Das wäre normal. Das hätte ihr Sohn damals auch gehabt. Die würden nach drei Monaten verschwinden.

Sarah war dadurch wenig getröstet. Sie hatte noch nicht einmal die Hälfte dieser Zeit geschafft und allein der Gedanke an die kommenden Wochen brachten Sarah in ein Gefühl der Verzweiflung und Ohnmacht. Der Tipp der Schwiegermutter: „Lass sie halt weinen“, war für Sarah keine überzeugende Alternative. Da stimme ich Sarah zu. „Weinen lassen bringt dem Baby nur bei, dass es mit seinem Elend alleine bleibt!“ Das Baby still bekommen, um jeden Preis, war aber auch keine Lösung. Sarah konnte das nicht mehr lange durchstehen. Das war ihr deutlich anzusehen.

Sie hatte schon alles ausprobiert, um die Bauchschmerzen zu therapieren: Kümmelzäpfchen, Bauchmassage mit Kümmelöl, Tropfen zur Förderung der Verdauung und Tropfen für die Darmflora. Sie schleppte das Baby in jeder nur denkbaren Position durch die Wohnung. „Nichts hat geholfen“, versicherte mir Sarah mit müden Augen. Das Schreien ist geblieben. Ihre nächste Vermutung war, dass ihr Kind eine Allergie hätte. Nach und nach hat sie immer mehr Lebensmittel weggelassen. Inzwischen ernährte sie sich von Zwieback und Stilltee.

„Kein Wunder, sieht sie so ausgezehrt aus“, schoss es mir durch den Kopf. Sarah tat mir in diesem Moment unendlich leid. Das mit der Ernährung müssen wir unbedingt ändern.

Sarah möchte ihrem Baby helfen. Sie ist bereit alles zu geben, damit Lotte still und zufrieden ist. Sie hat alles probiert und dabei achtet sie gar nicht mehr auf sich. Sarah war gerade körperlich und psychisch am Ende. Sie war müde, ermattet und verzweifelt. Denn sie hatte mit ihren Bemühungen keinen Erfolg. Lotte blieb bei ihrem stundenlangen Geschrei.

Inzwischen war Lotte aufgewacht, hatte Hunger und trank an der Brust. Ihre Augen waren offen und sie konnte gar nicht so schnell trinken, wie sie wollte. Sie wollte sich eigentlich lieber umschauen. Ihr Trinken war deshalb nicht besonders entspannt.

Aber, so konnte ich auf der Wickelkommode feststellen: Sie hatte richtig gut zugenommen. Ich fand keine Hinweise auf Bauchschmerzen, keine besonderen Auffälligkeiten. Erst beim Anziehen wurde klar, worin Lottes Problem besteht: Anziehen findet Lotte nämlich richtig doof. Ihr Protest war deutlich. Ihre Mimik sprach Bände. Ihre Beine ruderten wild und es war nicht zu übersehen, dass sie in diesem Moment nicht glücklich war.

„Siehst du“, sagte Sarah zu mir, „bei dir benimmt sie sich genau wie bei mir. Sie trinkt, sie findet das Ausziehen gut, lässt sich auch gerne massieren. Aber wenn ich sie wieder anziehen möchte, dann beginnt das stundenlange Gebrüll und kurze Zeit später krümmt und windet sie sich vor Bauchschmerzen.“

Sarah hatte das absolut richtig erkannt. Lotte findet es blöd angezogen zu sein. Sie brüllt, schluckt dabei Luft. Natürlich hat sie dann diese Bauchschmerzen. Das liegt aber nicht am Essen von Sarah. Das liegt auch nicht an einer Allergie. Sie schluckt beim Weinen unendlich viel Luft und bringt sich damit in diesen Teufelskreislauf.

Ich kenne Lotte schon im Bauch seit ihrer 16. Schwangerschaftswoche, weil Sarah regelmäßig bei mir zur Vorsorge war.

Lotte war schon in der Schwangerschaft ein munteres Kind. Sie war zierlich im Bauch, hatte ausreichend Fruchtwasser. Das nutzte sie für ein munteres, sportliches Leben im Bauch. Besonders abends, erzählte mir Sarah damals, schien Lotte Purzelbäume zu schlagen. Der Bauch schlug damals Wellen über den Bewegungen des wachsenden Babys.

Damals im Bauch genoß Lotte ihre Sportstunden absolut ungestört. Heute, ist sie eingezwängt in Babyklamotten. Kein Wunder findet Lotte die Abendstunden blöd. Mir erschien der Babyprotest ziemlich verständlich. Und auch Sarah leuchtete diese Erklärung ein.

Wir hatten einen neuen Plan, den wollte Sarah sofort versuchen: Lotte sollte ihre abendliche Turnstunde einfach wieder bekommen! Und das hat Sarah dann gleich ausprobiert. Nach dem Stillen am Abend wurde jetzt eine ausgiebige Nacktzeit eingeplant. Lotte wurde am ganzen Körper massiert, Lotte wurde gebadet und Lotte durfte so lange nackt unter der Wärmelampe strampeln, wie es ihr gefiel.

Und Sarah versprach mir, sich endlich wieder normal zu ernähren und mit einem Mittagsschläfchen Kraft für den Abend zu tanken.

Und weißt Du, was Sarah mir heute berichtet hat, nachdem der Abendversuch Lottes Weinen um Stunden reduziert hat?

Lotte hat ein neues Sicherungssystem für die Wickelkommode bekommen. Jetzt kann sie da auch tagsüber gemütlich ohne Windel strampeln. Sie kann nicht vom Wickeltisch fallen. Sie kann sich nicht verletzen. Sie kann einfach unter dem Wärmestrahler ihrem Freiheitsdrang nachkommen. Während Lotte ihre neue Bewegungsfreiheit genießt, hat Sarah endlich Pausenzeiten für sich.

Sarah strahlt, während sie mir lachend erzählt, wie sie im Anschluss an diese Turnstunden Lotte baden muss, weil ihre Verdauung dort richtig in Schwung kommt.

„Wenn die Lösung immer so einfach wäre“, geht es mir durch den Kopf. Aber Lotte war endlich zufrieden. Sarah war glücklich und deutlich fitter. Deshalb war ich in in diesem Moment einfach nur glücklich mit den beiden.

Sarah hatte gleich ein neues Anliegen. Jetzt will sie sich um ihre körperliche Fitness kümmern. Klar, Lotte bekommt Sport – Sarah braucht diesen nun auch. Wir sind jetzt für die Rückbildungsgymnastik verabredet.

Hast du auch Lust dein Baby zu massieren? Hier zeige ich dir wie das geht.

Und wenn du Lust auf Rückbildung hast, treffe ich mich auch mit dir.

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Autorenbox

Katharina Jeschke

Katharina Jeschke

Gründerin von elternundbaby.com und Hebamme

Als Geburtshausleiterin, Hebamme und Mutter unterstütze ich Frauen dabei ihre Herausforderung während, vor und nach der Schwangerschaft besser zu bewältigen.

Um noch mehr Frauen zu erreichen, startete ich elternundbaby.com. Ich freue mich darauf, dich hier begrüßen zu dürfen.