Für schwangere Frauen und frisch gebackene Mütter bzw. Eltern schreibt das Leben besondere Geschichten. Darin geht es um Alltagsmomente und herausragende Situationen, um Wünsche, Erwartungen und Enttäuschungen, um Bindung und Beziehung, um Fähigkeiten, Entwicklungen, Probleme und Veränderungen –  eben um Einblicke in „ganz normale“ Mama- oder Papa-Tage. Jede dieser Geschichten ist es wert, erzählt zu werden.

Mich erreichen viele Geschichten von Eltern. Über diesen Blog sowie online in meinen Kursen, meinen Workshops und auch in meiner Hebammenberatung

Die Mamas wünschten sich, ihre Geschichten zu teilen. Dabei sind sämtliche Namen anonymisiert.  Wenn du auch deine Geschichte erzählen möchtest, freue ich mich sehr über deinen Geburtsbericht.

Grit: „Ich habe nicht geglaubt, dass der Papa das Kind ohne Weinen ins Bett bringen kann.“

Jannis ist mein erstes Kind, termingerecht geboren im April 2020. Seine Geburt habe 

ich als sehr anstrengend in Erinnerung – das heißt nicht die eigentliche Geburt fand ich stressig, sondern die Eröffnungsphase. Jede einzelne Wehe sollte die Sache weiterbringen, aber mein Muttermund reagierte kaum. Weil er sich so schwer öffnete, bin ich „gefühlt“ stundenlang die Treppe in der Klinik rauf- und runtergestiefelt, bis ich echt nicht mehr konnte. Heute denke ich, dass es so lief, lag vielleicht auch ein bisschen an mir. Dass ich vielleicht noch gar nicht richtig bereit war, Jannis an diese Welt „herzugeben“. Noch war er sicher und geborgen in meinem Bauch, nach der Geburt würden auch andere Menschen – sein Vater zum Beispiel oder seine Großeltern – Anspruch auf ihn erheben. 

Natürlich finde ich es auch schön, wenn ein Kind von vielen Menschen umgeben ist, die ihn alle lieben. Aber die Mutter sollte doch etwas Besonderes für das Baby bleiben, oder? Ganz ehrlich, mir fiel es schon in der Schwangerschaft schwer, wenn meine eigene Mutter oder meine Schwiegermutter über meinen Bauch streicheln wollten. Das habe ich zwar zähneknirschend zugelassen, sie meinten es ja nur lieb, aber in Wirklichkeit wollte ich das nicht. Heute weiß ich: Bei meiner nächsten Schwangerschaft werde ich mich trauen, ihnen zu sagen, dass ich das nicht möchte.

Ich habe Jannis dann lange gestillt, fast ein Jahr lang. Das war eine wundervolle Zeit für mich, weil wir beide so eine Einheit miteinander gebildet haben! Und obwohl er etwa ab dem achten Lebensmonat Beikost bekam, blieb ich doch der wichtigste Mensch für ihn. 

Es kam dann allmählich immer häufiger zu Situationen, in denen ich hätte verstehen können, dass Jannis mehr an unserem Familienessen als an meiner Brust interessiert war. Ganz ehrlich: Das habe ich erstmal ignoriert. Erst später ist mir durch Gespräche mit meiner Hebamme klargeworden, dass ich es war, die die Stillbeziehung noch nicht ganz aufgeben konnte. Denn das hieß, dass ich Jannis schon wieder ein Stückchen loslassen musste. So hielt ich zumindest das Kuschelstillen am Abend noch lange aufrecht. Er schlief immer an meiner Brust ein, das war so ein unbeschreiblich schönes Gefühl für mich.

Aber eines Tages kam ich dann nicht mehr drumrum, auch auf diesen letzten Moment zu verzichten. Ich habe das auch für meinen Mann getan, der zunehmend darauf gedrängt hat, Jannis auch mal ins Bettchen zu bringen. Bis dahin gehörte dieses Ritual mir.

An jenem Abend, als es soweit sein sollte, habe ich Jannis dann meinen Mann überlassen und bin zu einer Freundin geflüchtet, wo ich übernachten wollte. Sie wohnte nur ein paar Straßen von uns entfernt. Ich war total durch den Wind und konnte die Vorstellung kaum aushalten, wie Jannis kläglich nach mir weinte und mein Mann ihn nicht beruhigen konnte. Wir hatten abgemacht, dass er mich für diesen Fall sofort anrufen würde. Er solle aber auch durchklingeln, wenn Jannis unerwartet doch schlafen würde. 

So wartete ich bei meiner Freundin angespannt auf den Anruf. Es verging eine Stunde – aber das Telefon klingelte nicht. Meine Freundin konnte mich nur knapp davon abhalten, nach Hause zu rennen, und prostete mir aufmunternd mit ihrem Weinglas zu. Schließlich dann nach gut zwei Stunden der erlösende Anruf: Jannis sei sehr rasch und ohne große Muckser eingeschlafen, berichtete mein Mann – aber er selbst im Sessel neben dem Kinderbettchen leider auch. „Sorry, Schatz, dass ich mich deshalb erst so spät melde. Aber bei uns ist alles gut. Und bei Dir?“

Heute muss ich zugeben, dass mir bisher alle Situationen des Loslassens gewisse Probleme bereitet haben: die Geburt, das Abstillen, als Jannis stundenweise zur Tagesmutter kam und dann nach seinem dritten Geburtstag in den Kindergarten. Ich bin mir dieser Schwierigkeiten aber mittlerweile sehr bewusst und bearbeite sie auch mit einer Beraterin in einer Beratungsstelle. Das hilft mir, jede Phase des Loslösens, die mein Jannis durchläuft, eher freudig als weiteren Schritt in die Selbständigkeit zu begrüßen – und weniger als Bedrohung für unsere Mutter-Kind-Beziehung zu empfinden. Das gelingt mir immer besser. Auch weil ich erlebe, dass ich als Mutter für meinen Sohn trotzdem einzigartig und wichtig bleibe, selbst wenn er gerade von seiner Erzieherin in der Kita schwärmt. Konkurrenz- oder Angstgefühle habe ich heute kaum mehr. Und ich bin fest entschlossen, dass das beim zweiten Kind so bleiben soll. Ich bin nämlich wieder schwanger!

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Katharina Jeschke

Katharina Jeschke

Gründerin von elternundbaby.com und Hebamme

Als Geburtshausleiterin, Hebamme und Mutter unterstütze ich Frauen dabei ihre Herausforderung während, vor und nach der Schwangerschaft besser zu bewältigen.

Um noch mehr Frauen zu erreichen, startete ich elternundbaby.com. Ich freue mich darauf, dich hier begrüßen zu dürfen.